Samstag, 27. Dezember 2014

Im Land der Langsamkeit (Argentinien)

Ich gebe es zu, ich bin ein ungeduldiger Mensch. Aber ich habe in Lateinamerika dazugelernt: gelernt, dass man bei einer Verabredung um drei nicht unbedingt um drei erscheinen sollte. Gelernt, dass es im Geschäft nicht immer Wechselgeld gibt, sodass der Nachbarladen schonmal aushelfen muss. Und dass man im Telefonladen zwar eine SIM-Karte kaufen kann, jedoch um Geld darauf aufzuladen, in ein ganz anderes Geschäft geschickt wird.
Ist dies alles für mich Normalität geworden, so wird doch in Argentinien meine Ungeduld auf bisher unbekannte Weise herausgefordert. Im hiesigen Supermarkt "Coto" sind die Schlangen an der Kasse gar nicht so lang. Die Kassierer(innen) aber führen jeden Warenartikel mit einer Zähigkeit über den Scanner, als würden sie eine 30-Kilo-Hantel bewegen. Die sogenannte caja rapida ( für weniger als 20 Artikel) ist eine pure Lüge: Die Kundin vor mir kauft einen großen Ventilator. In aller Ruhe werden alle Einzelteile aus der Packung geholt und begutachtet, bis auf dem Kassenband ein solches Einzelteile-Chaos herrscht, dass es unmöglich ist, den Originalzustand im Karton wiederherzustellen. Das zweite Mal ist Schichtwechsel an der caja rapida. Ohne System wuseln zwei Kassierinnen herum, zählen Geldscheine, füllen Listen aus, bis schließlich die eine Platz nimmt, um mit der gewohnten 30-Kilo-Hantel-Bewegung Waren über den Scanner zu führen.


Ein hier lebender Bekannter sagte mir, er habe noch nie so unambitionierte Menschen wie in Argentinien getroffen. Die krisenanfällige Wirtschaft mit einer Inflation von über 30% wäre dafür eine Erklärung: Warum soll ich mich anstrengen, wenn das Geld, das ich verdiene, morgen nichts mehr wert ist?
Ein weiteres Thema ist der hiesige Wankelmut. In einer der ausgezeichneten Eisdielen steht ein Kunde vorne in der Warteschlange: Chocolate Suiza y menta granizado, por favor, nee doch nicht, Plan zurück, doch lieber einen Becher mit drei Sorten, durazno y ... oder doch ganz was anderes, als ginge es darum, einen Bausparvertrag zu unterzeichnen.

Am Ende also doch: eine Boetchentour
Eine Verabredung mit meiner Bekannten drohte auf die Unendlichkeit hinausgeschoben zu werden, hätte ich nicht insistiert. Man könne sich am Montag im Vorort Tigre treffen, erst Kaffee trinken, dann Bötchen fahren, schlug sie vor, die Boote seien am Montag auch nicht so voll. Super Idee, stimmte ich zu, alles klar, bis Montag. Wenn das Wetter am Montag aber schlecht sei, könne man sich auch schon am Wochenende treffen, hieß es am nächsten Tag. Am übernächsten, man könne auch gemeinsam die Kunsthalle besuchen, die sei aber nur Mittwochs bis Sonntags geöffnet. Ob die Bötchen am Montagnachmittag führen, sei zweifelhaft, hieß es schließlich am Tag unserer Verabredung. Mit der mir eigenen norddeutschen Sturheit blieb ich beim Originalplan, und es kam schließlich zum Treffen. Die Bötchentour drohte fast dem argentinischen Wankelmut zum Opfer zu fallen, da der Ticketverkäufer um 14 Uhr noch nicht wusste, ob die Fahrt um 15 Uhr stattfinden würde. Doch tatsächlich konnten wir eine Stunde später das Boot besteigen. Vielen Dank für die Lehrstunden, liebe freundliche Argentinier, ich werde versuchen, mich noch mehr zu gedulden.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Extreme Leidenschaften (Argentinien)

Boca oder River?
Kirchner oder Macri?
Entscheide dich! Und vor allem sei Feuer und Flamme!

"Welches ist deine Lieblings-Fussballmannschaft?" - "Ich interessiere mich nicht so fuer Fussball." - "Ja, aber welches ist dein Team?" - "Ich habe keins." - "Ok, aber welcher Spieler gefaellt dir am besten?"

Gleichgültigkeit scheint in Argentinien ein unbekanntes Gefühl zu sein. Du musst Fußballfan sein, vorzugsweise entweder von Boca oder River Plate. Oder mach es wie der Papst und suche dir ein drittes Team, um den schlimmsten Rivalitäten auszuweichen, er ist Fan von San Lorenzo. Jeden Abend scheint irgendeine Mannschaft zu feiern, so erklären sich die vielen Feuerwerke, die abends zu hören sind. Oder die Fanscharen, die fahnendchwingend und tanzend vor den Kneipen ausrasten.

Trommeln fuer Cristina - auch im stroemenden Regen
Ähnlich leidenschaftlich geht es in der Politik zu. Am Tag der Demokratie (10. Dezember) feiern Peronisten, Kirchneristen, Gewerkschafter und weitere linke Gruppen das Ende der Demokratie. Die Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner nutzt (missbraucht?) diesen Tag für ihren Wahlkampf. Hunderttausende versammeln sich in der Innenstadt, trommelnd, johlend, fahnenschwingend, um sie dabei zu unterstützen. auch strömender Regen kann sie nicht davon abhalten. Am Straßenrand kann man Bilder der Präsidentin erwerben, die madonnenhaft hinter der Staatsflagge steht. Das gleicht einem Dovotionalienhandel.


Ironischerweise musste dieses Jahr der Tag der Demokratie um 3 Tage nach hinten verschoben werden: Am 10. Dezember hatte River Plate ein internationales Pokalspiel, da wäre wohl keiner gekommen, um die Demokratie zu feiern. Am 12.12. wiederum ist für Boca Fantag (día de los hinchas - die Fans als 12. Spieler, welche Symbolik!), weshalb man den Fans von Boca das Stadtzentrum überlassen musste. Muss man sich also zwischen Politik und Fussball entscheiden, ist schon klar, welche Praemissen gesetzt werden.


Der Bürgermeister von Buenos Aires heißt Macri und vertritt eine neoliberale Politik. Die Stadt plant, die Zuschuesse fuer Jugendorchester zu kuerzen und vor allem einkommensschwachen Familien weniger Unterstützung beim Instrumentalinterricht zu gewähren. Im Park fand die entsprechende Reaktion darauf statt: Jugendliche und erwachsene Musiker versammelten sich im Park zu einem Protestkonzert, schimpften auf den Buergermeister und stellten ihre Existenzberechtigung durch ein wunderschoenes Parkkonzert unter Beweis.




Samstag, 13. Dezember 2014

Mein Leben im Wursthaus (Argentinien)

Ich gehe die steile Treppe herauf, zur rechten die bunten Glasfenster aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Linken eine Reihe 4 Meter hoher Türen an einem langen Flur ohne Dach: Dies ist eine typische casa chorizo, also ein Wursthaus. Die casa chorizo stammt aus der Zeit der großen Immigrationswelle um 1900 und heißt so, weil sie langgestreckt ist und sich Zimmer an Zimmer den Flur entlang aneinanderreiht. Ganze Familien bewohnten jeweils ein Zimmer, Bad und Küche wurde mit anderen Familien geteilt.


Heute ist diese casa mein Zuhause in Buenos Aires und ich muss mir mein Zimmer nicht mit einer Immigrantenfamilie teilen. Sasha, Marcelo, sein Sohn und die zwei Möpse Max und Fidel sind die wunderbaren Gastgeber, so wunderbar, dass ich manchmal vergesse, dass ich ja gar nicht zur Familie gehöre, sondern sie dafür bezahle, dass ich hier wohnen darf. Ich habe schon einen Hausschlüssel bekommen, denn Sasha sagt, ich gehöre wohl zur Familie. Manchmal fühle ich mich schuldig, wenn Sasha den Fußboden feudelt und ich dabei am Tisch sitze und Tee trinke. Wenn ich nichts mehr im Kühlschrank habe, kann ich sicher sein, dass Sasha und Marcelo spätestens um 22 Uhr für mich etwas zu essen auftischen. Unsere Wäsche waschen wir inzwischen gemeinsam.


Heute fragte mich Marcelos Sohn, ob ich an Gott glaube. In der Schule fragte er den Lehrer nämlich, warum die Leute nicht an den Weihnachtsmann glauben, wohl aber an Gott. Da gab es wohl ziemlichen Ärger: Der Lehrer rief zu Hause an und fragte bei den Eltern nach, wo er solche Ideen herhabe. Jetzt hat sich der chico auf die Meinung festgelegt, es könnte sein, dass Gott existiert, aber die Kirche sei ziemlicher Blödsinn - beachtlich. Und ob ich meinen Freund heiraten möchte, will er wissen.

Max

Wer bisher glaubte, Mops sei gleich Mops, den muss ich eines Besseren belehren. Die Möpse Max und Fidel könnten unterschiedlicher nicht sein: Max ist lethargisch und verschlafen, Fidel hingegen ist hyperaktiv und hat einen wahnsinnigen Blick. Vor Aufregung dreht er sich gern im Kreis und jagt seinem Hinterteil nach oder stürzt sich wie besessen auf seinen Artgenossen oder eine leere Colaflasche.



Fidel
Weil der Flur kein Dach hat, wird der Fußboden zum See , wenn es regnet. Marcelo legt dann einen Steg aus Paletten aus, über den wir uns ins Trockene retten.
A home away from home - diesen Slogan hat sich ein anderes heimeliges Hostel, in dem ich gewohnt habe, auf die Fahnen geschrieben, aber hier ist es noch mehr Wirklichkeit.

Freitag, 5. Dezember 2014

Cambio cambio (Argentinien)

Argentinien ist seit einiger Zeit wirtschaftsgebeutelt. Die Währung verfällt, Auslandsschulden sind kaum zurückzuzahlen und wer Geld hat, parkt dieses auf Dollarkonten in Uruguay. Die Regierung will verhindern, dass Dollars das Land verlassen, sodass man (anders als in anderen lateinamerikanischen Ländern) keine Dollars vom Geldautomaten ziehen kann. Der offizielle Wechselkurs beträgt 8,5 Pesos zu einem Dollar, doch daneben hat sich ein Parallelmarkt (el paralelo) gebildet: Der inoffizielle Wechselkurs schwankt zwischen 11 und 14 Pesos pro Dollar und wird sogar in Nachrichten und Zeitungen bekanntgegeben. Die größte Banknote in Argentinien ist der 100 Peso-Schein (auch wenn er nicht viel wert ist), er ist blau und deshalb ist vom "dólar blue" die Rede.



Der in Argentinien Reisende betritt folglich das Land mit einer Handvoll Dollar bewaffnet, um sich im paralelo einen günstigen Wechselkurs für seine Pesos zu erschleichen. Er schaut sich in der Calle Florida, einer eher uncharmanten Fußgängerstraße, um und erblickt am Straßenrand zahlreiche recht unseriös aussehende Herren, die "Cambio cambio change" rufen. Hat man die am wenigsten sinister dreinschauende Personen ausgewählt und ist mit ihrem Wechselkurs einverstanden, geht es über Treppen, Rolltreppen und Gänge in die Hinterwelt des paralelo. In einem barackigen Hinterzimmer, genannt "cueva" Höhle), sitzt ein geschäftiger Mensch, berechnet die Summe an Pesos, die du für deine Dollars erhältst, und zählt die Scheine dreimal nach, zweimal mit der Zählmaschine, einmal manuell. Wenn alles gutgeht, sind keine gefälschten Banknoten dazwischen...

Samstag, 29. November 2014

Wahlkampf (Uruguay)

Es gibt zahlreiche Uruguayos, die ihre politische Anschauung zur Schau tragen: Sie hängen Parteifahnen aus dem Fester, befestigen sie auf dem Auto oder tragen Aufkleber. Auf der Arbeit ist das Tragen von politischen Symbolen nicht erlaubt, aber das missfällt vielen; sie möchten ihre Ansichten auch den Kollegen oder dem Chef demonstrieren.



Die politische Leidenschaft ist diesen November besonders auffällig, denn Uruguay bereitet sich auf die Stichwahl im Kampf um das Präsidentenamt vor. Laut Umfragen steht das Ergebnis eigentlich schon fest. Tabaré vom Parteienbündnis Frente Amplio, ein Zusammenschluss von Gruppierungen, die von Sozialdemokraten bis zu Marxisten reichen, wird die Wahl gewinnen, und damit wird die Frente Amplio zum dritten Mal in Folge den Präsidenten stellen. Trotz der unspektakulären Konstellation - Tabaré war vor fünf Jahren schon Präsident - ist die Wahl den Uruguayos so wichtig. Vielleicht liegt das daran, dass in diesem kleinen Land die Politiker näher an der Bevölkerung sind. Oder daran, dass Uruguay eine Militärdiktatur überwunden hat, bei der 30000 Menschen (das ist fast 1% der Bevölkerung) ermordet wurden, sodass Demokratie als bewahrenswerte Errungenschaft angesehen wird und Teilhabe am politischen Leben geschaetzt wird.


Bei der Abschlussveranstaltung der Frente Amplio im Wahlkampf sind, so schätze ich, 100000 Menschen versammelt. Gesäumt wird das Areal von Ständen, bei denen man sich mit den nötigen Parteiassessoirs, vor allem Fahnen in jeder Größe, versorgen kann, von Hüpfburgen, Grillständen und Einkaufswagen gefüllt mit Bierdosen. Mitsingende Menschenmassen, in der einen Hand die Parteifahne, in der anderen selbstverständlich den Matebecher, die Thermoskanne unter'm Arm. Der Präsidentschaftskandidat Tabaré betritt die Bühne und hält eine patriotische, aber erstaunlich inhaltsleere Rede, vielleicht weil ihn ohnehin schon alle kennen und wissen, was sie an ihm haben. Bejubelt wird er dennoch.
Für den Uruguayo scheint es egal zu sein, ob er sich im Fußballstadion oder im Wahlkampf befindet, Hauptsache, man ist mit Leidenschaft dabei.



Nachtrag 1: Es ist der Vorabend der Wahlen: Vor den Alkoholregalen im Supermarkt hängt ein großes Plakat: Aufgrund eines Gesetzes darf vom Vorabend bis zur Schließung der Wahllokale kein Alkohol verkauft werden. Ähnlich ist es in der Bar, mein Bier befindet sich in einem Plastikbecher und ist offiziell gar kein Bier, die Flasche bleibt hinter dem Tresen. Die Jugend auf der Straße beeindruckt dieses Gesetz wenig; sie laufen mit Literflaschen des hiesigen Pilsen in ihren Badeschlappen herum.

Nachtrag 2: Ende des Wahltags. Tabaré Vasquez hat mit großem Abstand die Wahl gewonnen. Das Kleinstädtchen Colonia del Sacramento erwacht aus seinem Sonntagsschlaf. Autocorsos mit Parteifahnen, Menschenmassen auf dem Platz, die die Parteihymne grölen. Man könnte meinen, Uruguay sei Fußballweltmeister geworden.


Dienstag, 25. November 2014

Beobachtung der Seelöwen (Uruguay)

Beim Beobachten der Seelöwen stelle ich fest, dass sich ihr Tag durch drei Aktionsformen kennzeichnet.
Die erste Aktionsform ist die Lebenszeit im Meer, elegant-geschwind den Fischen hinterherjagend, manchmal aber auch nur keck auf dem Rücken liegend und den Kopf oder die Vorderflosse aus dem Wasser streckend. Ihr Leben scheint schwerelos, beschwingt und sorgenfrei.


Ihre Ruhezeiten auf dem Felsen - die zweite Aktionsform - sind durch bloßes Herumlümmeln geprägt, um sich aufzuwärmen. Manchmal drehen sich die Tiere auf den Rücken, um sich ihr Winterfell abzuschubbeln. Sie wirken kontemplativ; worüber sie nachdenken oder wovon sie träumen, bleibt mir verschlossen.
Bei der dritten Aktionsform macht sich erst bemerkbar, dass es sich bei den Seelöwen um Gesellschaftswesen handelt. Bewegt sich ein Seelöwe auf dem Felsen fort und passiert dabei einen seiner Artgenossen, so starren sich die beiden an, zeigen einander wütend die Zähne und stoßen sich mal mehr, mal weniger heftig aneinander, bis einer der beiden aus dem Weg geht. Dabei nehmen die tonnenschweren Anführer der Herde die oberen Positionen des Felsens ein, den Kopf als Zeichen der Macht immer nach oben gestreckt. Unten tummeln sich die zarteren Artgenossen, die aber nicht weniger streitsüchtig und auf Emporkommen in der Hierarchie bedacht sind.
Auf ihre Lebenszeit bezogen nehmen die drei Aktionsformen die Anteile 45% - 45% - 10% ein. Ich könnte mir ein Leben als Seelöwe durchaus vorstellen, reizt mich doch der hohe Anteil an Lebenszeit im Wasser. Ich weiß aber nicht, ob das Leben an Land - vita contemplativa im Wechsel mit Unfrieden mit den Nachbarn und Geltungsstreben - zufrieden stimmt oder ob dies nicht sowieso schon Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Vielleicht ist der Mensch schon auf bestem Wege, ein Seelöwe zu sein.

Montag, 24. November 2014

Cabo Polonio (Uruguay)


Der ausrangierte Fernseher steht auf der Düne.
Das wirkliche Leben spielt sich dahinter ab:
Ein grauer Wolkenschlauch zieht südwärts,
Erdrückt das Meer und die Hütte.
Die Surfer verlassen die Wellen und suchen Zuflucht.
Das Dünengras zittert in wechselnden Winden.
Einzig der Leuchtturm lässt unbeirrt
Seinen Lichtkegel in die Ferne schweifen.







Nun habe ich doch endlich einen Ort in Uruguay mit Atmosphäre und Spirit gefunden: Das Stranddorf Cabo Polonio. Von der Bushaltestelle steigt man in einen Truck um, der das Dorf auf einer Sandpiste durch die Dünenlandschaft erreicht. Normale Fahrzeuge kommen hier gar nicht an. 


Das Dorf ist eine Ansammlung verstreuter, einfacher Hütten, Strom kommt von der Solarzelle, Wasser aus dem Tank auf dem Dach. Die Atmosphäre gleicht der auf den ostfriesischen Inseln, nur ist alles einfacher, die Preise hingegen ähneln denen auf Sylt. Ich habe noch nie in einem so engen Hostel übernachtet wie hier, dennoch ist alles "buena onda" und "todo tranquiiii", was in Uruguay unglaublich wichtig ist.


Die Naturereignisse bestimmen den Tag: der wechselnde Wind, das Wolkenspiel, die Wellen, der Sternenhimmel.






Samstag, 15. November 2014

Auf der Suche nach der Tiefendimension (Uruguay)

Ein Land, das ausieht wie ein übergroßer Golfplatz. Eine Landschaft, die nicht nervt, für die aber das Adjektiv "atemberaubend" übertrieben erscheint. Landstriche, die auch am Niederrhein liegen könnten, nur fehlen die Häuser und es gibt ab und zu Palmen. Ich bin mir nicht sicher, warum ich eigentlich hier bin.


Taxifahren, in Costa Rica und Kolumbien ein großes Erlebnis, erfüllt einen in Uruguay mit Gleichmut. Das Taxi fährt im Schritttempo, eine Sichtscheibe zwischen Vorder- und Hintersitzen verhindert die Kommunikation mit dem Fahrer und suggeriert, dies sei eine hochkriminelle Gegend, was aber nicht zutrifft. Der Taxifahrer strahlt aus: "Lass mich einfach meine Arbeit machen.".
Das Meer: Auf der einen Seite der Rio de la Plata, eine gigantische Flussmündung, deren Wasser schokoladenbraun daherdümpelt. Auf der anderen Seite der Atlantik, der mir bekannt vorkommt, er ähnelt dem Meer von Holland, Belgien und Nordfrankreich. Die Seebäder haben Apartmentblöcke, wie sie Belgien nicht hätte trostloser hervorbringen können.





Die Menschen sind freundlich, aber nicht überschwänglich, sie sind nicht kontaktscheu, aber suchen auch nicht den Kontakt. Sie sehen für europäische Augen recht durchschnittlich aus.
Die Hauptstadt Montevideo ist weder schön noch hässlich. Es gibt schöne Plätze, aber in anderen Städten gibt es schönere. Die Strandpromenade ist lang, aber es fehlen die Bars und Cafés. Die Altstadt ist beschaulich, der Verfall der Bausubstanz ist jedoch bedauerlich. Die Stadt hat gigantisches Potential, was die Entwicklung zu einem touristisch attraktiven Ort betrifft, aber das scheint der Verwaltung egal zu sein.



Ist es Uruguays Schicksal, Repräsentant der Mittelmäßigkeit zu sein. Ich finde es schwer, einzutauchen und mich mit diesem Land zu verbinden.

Freitag, 7. November 2014

Erstaunliches (Uruguay)

Dieses kleine Land mit nur 3 1/2 Millionen Einwohnern erregt in vielerlei Hinsicht Aufmerksamkeit:


1. José Mujica
José Mujica, genannt Pepe, ist der weltberühmte Präsident Uruguays. Während der Diktatur war er Guerillakämpfer, was ihm 14 Jahre Gefängnis einbrachte, bis zu seiner Freilassung zu Demokratiezeiten. Er verzichtet darauf, in der Präsidentenvilla zu wohnen, statt dessen lebt er auf seiner Farm. Ebenso verzichtet er auf einen Großteil seines Gehalts, 90% spendet er an Charity-Organisationen und NGOs. Viele Uruguayos in diesem kleinen Land wissen, wo er zu Mittag isst, und man sieht ihn in seinem hellblauen VW Käfer herumfahren.
Jetzt stehen die neuen Präsidentschaftswahlen an. Da der Präsident laut Verfassung nicht wiedergewählt werden kann, hat sich der 77jährige Pepe ein neues Ziel gesetzt: Er möchte Kürbisse züchten.


2. Marihuana ist hier legalisiert. Man kann sich registrieren lassen, um in der Apotheke kleine Mengen zu einem staatlich festgelegten Preis zu erhalten. Offenbar kann man auch in der einen oder anderen Bäckerei nach einem "speziellen Brownie" fragen, der einem dann als "Bückware" überreicht wird.



3. Das Bildungsministerium hat eine Kommission beauftragt, Richtlinien zum Umgang mit sexueller Vielfalt zu erarbeiten. Im Entwurf steht, Lehrer sollen dazu ermutigt werden, sich vor der Klasse zu outen ("salir del armario"), um Schülern Möglichkeiten der Identifikation zu bieten.Schülern mit Trans-Identität soll erlaubt werden, ihren Vornamen zu ändern und die Toilette ihres Wunschgeschlechts aufzusuchen.



Donnerstag, 6. November 2014

Vom Mate (Uruguay)

Es ist schon merkwürdig , dass sich gerade in Uruguay die Tradition des Mate-Schlürfens verbreitet hat, kommt das Getränk doch von den indigenen Kulturen der Guarani und Quetchua, und diese sind hier quasi nicht sichtbar. Eigentlich heißt das Kraut, das die Grundlage, bildet Yerba und es wird noch nicht einmal in Uruguay angebaut, sondern in Brasilien.
Man benötigt Yerba, einen Holzbecher, der eigentlich Mate heißt und ursprünglich aus ausgehöhlten Kürbissen hergestellt wurde. Dann noch ein Trinkrohr aus Metall, die Bombilla, und eine Thermoskanne mit heißem Wasser.





Der Uruguayo beginnt im Alter von 12-14 Jahren mit dem Matetrinken und hört damit sein Leben lang nicht mehr auf. Das wundert auch nicht: Der Trank ist stark und bitter, ein Suchtfaktor scheint garantiert. Wem es gar nicht schmeckt, der fügt Zucker hinzu. Im Durchschnitt konsumiert ein Uruguayo einen Liter vormittags und einen nachmittags.



Das Straßenbild ist vollkommen von dieser Tradition geprägt. Jeder zweite Uruguayo läuft mit dem Matebecher die Straße entlang, unter den Arm klemmt er sich die Thermoskanne. Immer wieder bleibt er stehen, um Wasser nachzugießen und zu schlürfen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Erscheinungsbild lässig, kultig oder einfach nur umständlich finden soll...

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Über Transportmittel

1. Regeln
Schild in einem Überlandbus in Costa Rica:
"Bitte blockieren Sie den Gang nicht mit Objekten, z.B. mit Bananenstauden."


Schild im Transmilenio-Bus in Bogotá:
"Reisen Sie ohne Waffen."



Ansage in der Metro in Medellín:
"Respektieren Sie die Frauen."


2. Originelle Transportmittel
Medellín verfügt nicht nur über eine Metro, sondern auch über drei Seilbahnlinien. Sie dienen nicht etwa der Belustigung, sondern dazu, die unterprivilegierten, ärmeren Viertel auf den Hängen an das Zentrum anzubinden. Gondel reiht sich an Gondel, keine Wartezeiten, ich schwebe hoch über der Stadt, unter mir ein Meer aus Wellblechdächern. Immerhin sind die Häuser gemauert und es gibt asphaltierte Straßen.
Eine andere Idee, um den Bewohnern das mühsame Besteigen der Hügel bis zu ihren Häusern zu ersparen, war die Installation von Rolltreppen in der Stadt. Es ist unglaublich, welchen Aufschwung die Medellín in den letzten 20 Jahren erreicht hat, die innovativen Verkehrskonzepte sind Teil davon.




3. Taxifahren
In Bogotá verwende ich die Taxi-App "Tappsi". Du gibst deinen Standort ein, und schon bald erscheinen der Name des Taxifahrers, dessen Bewertung durch andere Kunden, das Nummernschild und die Wartezeit auf dem Display. Das garantiert guten Service und Sicherheit. Ein Tarifrechner zeigt dir an, wieviele Einheiten auf dem Taxameter welchem Fahrpreis entsprechen. Beschwerden können online gemeldet werden.
Ruft man einfach so ein Taxi von der Straße, so kann es vorkommen, dass man, wenn man die Fahrt mit 20000 Pesos bezahlt, der Taxifahrer das Geld entgegennimmt, anschließend eine 2000 Peso-Banknote hochhält und behauptet, man habe ihm nur 2000 Pesos gegeben.
Taxifahrer in Kolumbien hören gern laute Musik und bei Nacht werden rote Ampeln eher als Vorschlag, die Kreuzung mit Vorsicht zu überqueren denn als Verkehrsregel betrachtet.


4. Busfahren in Kolumbien
Die Landschaft ist zerklüftet, die Straßen winden sich endlos die Berge hoch, auf ihnen schleppen sich Schlangen von Lkws mühsam voran. Hinter ihnen der Reisebus mit wenigen Möglichkeiten des Überholens, dafür mit umso mehr Möglichkeiten, die atemberaubenden Ausblicke zu genießen. Die Fahrt von Medellín nach Bogotá dauert 12 1/2 Stunden bei einer Entfernung von 400km.


Die Fahrzeit verkürzen einem die zahlreichen Straßenverkäufer, die den Bus besteigen und das immer gleiche Ritual vollziehen: Diesmal ist es ein Schokoladenverkäufer. Er geht den Gang hinunter und legt jedem Fahrgast eine Tafel Schokolade in den Schoß. Die Gäste studieren die Schokolade intensiv oder halten sie lediglich verlegen in den Händen. Inzwischen hat sich der Verkäufer wieder vorne positioniert und setzt zur großen Rede an, wie es überhaupt den kolumbianischen Verkäufern liegen zu scheint: Es handele sich um brasilianische Schokolade, es gebe drei Sorten, dunkle Schokolade, weiße Schokolade, Mandel, man könne sie auf der Fahrt genießen oder seiner Verlobten als Geschenk mitbringen, eine Tafel für 5000 Pesos, drei für 10000 Pesos, vielen Dank für die Aufmerksamkeit, er habe nicht stören wollen, aber er müsse eben seine Familie ernähren. Danach sammelt er die Tafeln wieder ein, während einige Fahrgäste zum Kauf verführt werden konnten.
Auf solch einer Fahrt habe ich die Möglichkeit, Schokolade, Nüsschen, gesalzene Mango, Limonade, Zuckerwatte, Empanadas, Feuchtigkeitscreme und eine Sonnenbrille zu erwerben.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Das Mädchen aus Medellín (Kolumbien)

Hallo, ich bin Suzie, eine waschechte Paisa; das bedeutet, dass ich ein Mädchen aus Medellin bin. Wir Paisas sind schon was Besonderes: In ganz Kolumbien werden wir von den Männern bewundert. Wir sind nicht so gertenschlank wie die arroganten Bogotanas, nein, wir mögen es etwas rundlicher um die Hüfte, und unsere Oberweite zeigen wir den Chicos gern. Unsere Haut ist auch etwas heller, ich bin sogar blond, ist naturblond, ich schwöre! Die Bogotanos sagen, wir alle würden uns Schönheitsoperationen unterziehen, aber die sind ja bloß neidisch. Ich war noch nie beim Chirurg, und wenn doch, ich würd's ja nie zugeben.


Tagsüber geh ich meistens auf die Plaza Botero, da ist eigentlich immer was los. Schuhputzer, Saftverkäufer, Souvenirstände, ich hab hier ein paar Freunde, auch wenn die Konkurrenz hart ist. Ich verkaufe Kaugummis, eine Packung für 200 Pesos, drei für 500. Bei dem Preis kann man doch nicht meckern, oder? Viel kommt am Ende eines Tages nicht rum, aber seit mein Mann mich in die Wüste geschickt hat, hab ich keine andere Wahl. Schliesslich hängt mir mein Sohn auch noch auf der Tasche. Mit 16 könnte der jetzt eigentlich mal dazuverdienen, der faule Schlunzi...


 Mein grosser Traum ist es, dass mich doch mal einer der Gringos, die über den großen Platz schlendern, von der Stelle wegheiratet. Gestern war da wieder einer. Als ich ihm Kaugummis andrehen wollte, hat er mir zuerst seine eigene Packung Chiclettes gezeigt. Der Frechdachs, der dachte wohl, ich krieg ihn nicht, da hab ich ihm zunächst einen Klaps auf den Arm verpasst. Als er sich dann aber auf die Bank setzte, hab ich alle Register gezogen. Hab mich vor ihm aufgebaut, mit meinen blonden Haaren gespielt, er musste mir immer in den Ausschnitt gucken, so nah stand ich vor ihm. Dann meine übliche Tour: wie gut er aussieht, wo er denn herkommt - oh, aus Deutschland, da läuft die Wirtschaft doch gut. Und dann mein Sohn, den ich ernähren muss. Ob er überhaupt verheiratet waer, wollte ich wissen. Er hätte ne Frau in Deutschland, hat er gesagt, geglaubt hab ich ihm das nicht. Naja, schließlich hat er mir dann doch noch ein paar Kaugummis abgekauft. Warum er mit mir nichts anfangen konnte, keine Ahnung! Ne schlechte Partie sind wir Mädels aus Medellín jedenfalls nicht.

Montag, 13. Oktober 2014

Die kleinen Soldaten (Kolumbien)

Sie stehen auf der Ecke Carrera 4 # Calle 12, 24 Stunden lang. Die Calle 12 führt Richtung Parlament und Präsidentenpalast, die Soldaten beschützen die Demokratie, und wenn es sein muss, auch mich in den halbbeleuchteten Straßen bei Nacht.
 

Sie sind vielleicht 18, tragen Zahnspangen und haben Bartflaum, mal stehen sie gelangweilt herum, mal chatten sie über Whatsapp, mal unterhalten sie sich und ganz selten fragt ein Tourist sie nach dem Weg. Sie tragen schwere Maschinengewehre über der Schulter und angesichts ihrer unbeschwerten Jugend weiß man nicht, ob man sich mit ihnen und ihren schweren Waffen oder ohne sie sicherer fühlen soll.


 Junge Soldaten sind in Kolumbien immer präsent. Der Militärdienst beträgt ein bis zwei Jahre, hinzu kommen Sozialstunden, die die jungen Leute z.B. in der Jugend- oder Altenaebeit absolvieren müssen. Trotz der derzeitigen Friedenszeit macht sich die Vergangenheit bemerkbar, in der das Land im Krieg mit sich selbst war. Passkontrollen vor der Busstation, Straßensperren, Löschen von Bränden und unglaublich viel Zeit des Herumstehens und Nichtstuns. Dennoch bleibt bei mir das Gefühl des Willkommenseins, ein freundlicher Gruß oder einfach nur ein erhobener Daumen, der mir lächelnd entgegenwinkt.

Samstag, 4. Oktober 2014

Luis Alberto Acuña (Kolumbien)

Der Maler, Bildhauer und Kunstsammler Luis Alberto Acuña wurde 1904 in Suaíta Santander geboren. Reisen fuehrten ihn nach Paris und Deutschland. Er schloss sich der kuenstlerischen Bewegung Bachué an, die sich als Reaktion auf den ersten Weltkrieg und die mexikanische Revolution von der Kunst der indigenen Kulturen beeinflussen liess. So mischt sich Zivilisationskritik mit der Faszination fuer die Mythen der indigenen Kulturen.
Der Philosoph als Verkoerperung des Fortschritts?

Interessant ist die Gegenueberstellung zweier Wandgemaelde: Das erste zeigt die Gruendung des Ortes Villa de Leyva durch die siegreichen Spanier.Ob dieses Werk von Acuña selbst stammt, weiss ich nicht.

La fundación de Villa de Leyva

Ein zweites, uebergrosses Wandgemaelde, das einen Innenhof ziert, zeigt die Entstehung der Welt gemaess dem Schoepfungsmythos der Chibcha: Der Schoepfergott Chiminigagua laesst schwarze Voegel aufsteigen, deren Schnaebel den Himmel zum Leuchten bringen. Links daneben der See von Iguaque, in dem Bachué, so eine Art Urmutter, steht.




Observatorio Solar Muisca (Kolumbien)

Unweit von Villa de Leyva entfernt befindet sich eine jahrtausendealte Kultstätte der Muisca. Der erste Abschnitt erscheint dem europäischen Betrachter nicht ungewöhnlich: Zwei Reihen von Steinpfählen in Ost-West-Ausrichtung dienten offenbar der Bestimmung der Tag- und Nachtgleiche, ein lateinamerikanisches Stonehenge.



Erstaunlicher ist das sich anschließende Feld, auf dem sich riesige Steinpenise mit bis zu 4,50 m Größe tummeln. Die phallische Einsammlung wird heute als Ausdruck eines Fruchtbarkeitskultes gedeutet. Die Formen und Größen sind so unterschiedlich, als ob sich jeder Häuptling selbst in Stein habe verewigen wollen. Was die Frauen über diese Manifestation geballter Männlichkeit gedacht haben, wissen wir nicht. Abscheu? Faszination? Oder einfach nur Empörung über den männlichen Größenwahn?


Freitag, 3. Oktober 2014

Villa de Leyva (Kolumbien)

Die gigantischen Berge umschließen den kleinen Ort. Weißgetünchte Häuser auf der Plaza Mayor erzählen von den Tagen der spanischen Eroberer. Der mit Kopfsteinpflaster belegte Platz ist gigantisch, man fühlt sich ein wenig verloren. 



Die Freundlichkeit der Menschen hält sich (anders als sonst in Kolumbien) in Grenzen. Am Abend entflammt der Hügel, vom Balkon kann ich es deutlich erkennen. Rauchschwaden ziehen durch die Stadt. Aktiv werden Feuerwehr und Militär erst am zweiten Tag. Der Hubschrauber verbreitet Lärm. Seine Löscharbeiten sind von weithin sichtbar. 




Nach getaner Arbeit versammeln sich die jungen Soldaten auf dem großen Platz. Dann kehrt wieder Stille ein. Die Berge, die Weite der Plaza Mayor, die Melancholie der Menschen.








Sonntag, 28. September 2014

Ein Tag bei den Muisca (Kolumbien)

Wir folgen einer Einladung von Marta, auf einen Sonntag nach Cajica zu Besuch zu kommen. Es ist nur eine gute halbe Stunde im überfüllten Überlandbus von Bogotá entfernt. Martas Mutter ist eine wundervolle, würdige Abuelita um die 70, die sich beim Autofahren nur anschnallt, wenn eine Polizeikontrolle droht, die beim Fahren telefoniert und kräftig hupt, wenn ihr der Verkehr zu langsam vorangeht. Sie lässt es sich nicht nehmen, uns in ein traditionelles Restaurant einzuladen. In die Mitte des Tisches wird ein großer Teller gestellt. Es handelt sich um eine "picada", eine Schlachtplatte mit der kolumbianischen Version der Oldenburger Pinkel, Kottelets, Bauchfleisch, Kartoffeln und Kochbananen. Mit der Gabel pickt man sich Fleisch auf seinen kleinen Styroporteller.





Am Nachmittag möchten Marta und ihre Mutter uns einen Einblick in die indigene Kultur der Region ermöglichen: Wir lernen José kennen. José und seine Familie gehören den Muisca an, die seit ca. 800 n.Chr. die Hochebene von Bogotá bewohnen. José setzt sich sehr dafür ein, die Traditionen seiner Kultur aufrechtzuerhalten und das Jahrhunderte alte Wissen weiterzugeben. Er baut im Ort ein Kultur- und Begegnungszentrum, doch ohne öffentliche Förderung geht es langsam voran. Die grünen Hänge oberhalb des Ortes Chia gehören seit jeher den Muisca. Da die Bogotanos, die aus der Großstadt entfliehen wollen, genau diese Hänge als mögliches Bauland mit schönem Fernblick entdeckt haben, ist das Territorium in Gefahr. Das Gesetz besagt zwar, dass die traditionellen Siedlungsgebiete Bestandsschutz haben, doch scheint wie so oft der Interpretationsspielraum sehr weit zu sein, die Stadtverwaltung tut wenig gegen die Bebauungspläne.
Wir betreten Josés schönes Grundstück am Hang. Oberhalb seines Wohnhauses steht eine Hütte mit Strohdach für die spirituelle Praxis. Man legt sich hinein, für Stunden oder Tage, um sich mit der Natur und dem Kosmos in Verbindung zu setzen. José erzählt viel von der Weltsicht der Muisca, präsentiert uns selbstgefertigte Instrumente, Kleidung und Keramik. Sein Anliegen, das Wissen seines Volkes zu verbreiten, erscheint uns so wichtig: Die Lebensphilosophie setzt auf Einklang zwischen Mensch und Kosmos, auf Bewahrung des Bestehenden, der Natur, und auf Fortsetzung der Traditionen, anstatt auf Fortschritt und ständige Weiterentwicklung, wie wir es in der aufklärerischen Tradition tun. Warum sollen wir uns nicht Anregungen von den. Muisca holen, um verantwortungsvoll mit unserer Umwelt umzugehen?




Samstag, 20. September 2014

que a mi me gusta (Bogotá)



Was mir gefällt:
- Der große Tisch in unserem Hostal La Quinta. Alle Gäste und auch die Familie sitzen beisammen in einem bunten Nationenmix.

- Die Bühne am kleinen Platz Chorro de Quevedo. Jeder darf auftreten, eine Geschichte erzählen, Musik machen oder ein politisches Statement vortragen. Drumherum kleine Stände und ein Publikum wie auf dem Dorfplatz.








- Auf dem Cerro de Monserrate auf 3100m Höhe einen Blick über ganz Bogotá zu haben. Die Hochhäuser des Zentrums ganz steil unten und die Parks bieten einen Anhaltspunkt, ansonsten erstreckt sich ein endloser Häuserteppich im Tal.



- dass wir am dritten Abend in unserer Lieblingsbar bereits ungefragt unser Lieblingsbier "Club Colombia" hingestellt bekommen, als wir die Bar betreten.

- wenn am ersten Tag in der Sprachschule die verschütteten Spanischkenntnisse zurückkommen.

- von Jüngeren geduzt zu werden.

- Marie aus Frankreich, Svenja und Jörn aus Deutschland, Takako aus Japan und Joel aus der Schweiz: meine netten MitschülerInnen.

- Die unsterbliche Diva Helenita Vargas mit ihrem Hit "Usted es un mal hombre sin nombre senor". Eine Dragshow brachte den Bogotanos und uns  ihre größten Erfolge in Erinnerung.