Samstag, 27. Dezember 2014

Im Land der Langsamkeit (Argentinien)

Ich gebe es zu, ich bin ein ungeduldiger Mensch. Aber ich habe in Lateinamerika dazugelernt: gelernt, dass man bei einer Verabredung um drei nicht unbedingt um drei erscheinen sollte. Gelernt, dass es im Geschäft nicht immer Wechselgeld gibt, sodass der Nachbarladen schonmal aushelfen muss. Und dass man im Telefonladen zwar eine SIM-Karte kaufen kann, jedoch um Geld darauf aufzuladen, in ein ganz anderes Geschäft geschickt wird.
Ist dies alles für mich Normalität geworden, so wird doch in Argentinien meine Ungeduld auf bisher unbekannte Weise herausgefordert. Im hiesigen Supermarkt "Coto" sind die Schlangen an der Kasse gar nicht so lang. Die Kassierer(innen) aber führen jeden Warenartikel mit einer Zähigkeit über den Scanner, als würden sie eine 30-Kilo-Hantel bewegen. Die sogenannte caja rapida ( für weniger als 20 Artikel) ist eine pure Lüge: Die Kundin vor mir kauft einen großen Ventilator. In aller Ruhe werden alle Einzelteile aus der Packung geholt und begutachtet, bis auf dem Kassenband ein solches Einzelteile-Chaos herrscht, dass es unmöglich ist, den Originalzustand im Karton wiederherzustellen. Das zweite Mal ist Schichtwechsel an der caja rapida. Ohne System wuseln zwei Kassierinnen herum, zählen Geldscheine, füllen Listen aus, bis schließlich die eine Platz nimmt, um mit der gewohnten 30-Kilo-Hantel-Bewegung Waren über den Scanner zu führen.


Ein hier lebender Bekannter sagte mir, er habe noch nie so unambitionierte Menschen wie in Argentinien getroffen. Die krisenanfällige Wirtschaft mit einer Inflation von über 30% wäre dafür eine Erklärung: Warum soll ich mich anstrengen, wenn das Geld, das ich verdiene, morgen nichts mehr wert ist?
Ein weiteres Thema ist der hiesige Wankelmut. In einer der ausgezeichneten Eisdielen steht ein Kunde vorne in der Warteschlange: Chocolate Suiza y menta granizado, por favor, nee doch nicht, Plan zurück, doch lieber einen Becher mit drei Sorten, durazno y ... oder doch ganz was anderes, als ginge es darum, einen Bausparvertrag zu unterzeichnen.

Am Ende also doch: eine Boetchentour
Eine Verabredung mit meiner Bekannten drohte auf die Unendlichkeit hinausgeschoben zu werden, hätte ich nicht insistiert. Man könne sich am Montag im Vorort Tigre treffen, erst Kaffee trinken, dann Bötchen fahren, schlug sie vor, die Boote seien am Montag auch nicht so voll. Super Idee, stimmte ich zu, alles klar, bis Montag. Wenn das Wetter am Montag aber schlecht sei, könne man sich auch schon am Wochenende treffen, hieß es am nächsten Tag. Am übernächsten, man könne auch gemeinsam die Kunsthalle besuchen, die sei aber nur Mittwochs bis Sonntags geöffnet. Ob die Bötchen am Montagnachmittag führen, sei zweifelhaft, hieß es schließlich am Tag unserer Verabredung. Mit der mir eigenen norddeutschen Sturheit blieb ich beim Originalplan, und es kam schließlich zum Treffen. Die Bötchentour drohte fast dem argentinischen Wankelmut zum Opfer zu fallen, da der Ticketverkäufer um 14 Uhr noch nicht wusste, ob die Fahrt um 15 Uhr stattfinden würde. Doch tatsächlich konnten wir eine Stunde später das Boot besteigen. Vielen Dank für die Lehrstunden, liebe freundliche Argentinier, ich werde versuchen, mich noch mehr zu gedulden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen