Dienstag, 25. November 2014

Beobachtung der Seelöwen (Uruguay)

Beim Beobachten der Seelöwen stelle ich fest, dass sich ihr Tag durch drei Aktionsformen kennzeichnet.
Die erste Aktionsform ist die Lebenszeit im Meer, elegant-geschwind den Fischen hinterherjagend, manchmal aber auch nur keck auf dem Rücken liegend und den Kopf oder die Vorderflosse aus dem Wasser streckend. Ihr Leben scheint schwerelos, beschwingt und sorgenfrei.


Ihre Ruhezeiten auf dem Felsen - die zweite Aktionsform - sind durch bloßes Herumlümmeln geprägt, um sich aufzuwärmen. Manchmal drehen sich die Tiere auf den Rücken, um sich ihr Winterfell abzuschubbeln. Sie wirken kontemplativ; worüber sie nachdenken oder wovon sie träumen, bleibt mir verschlossen.
Bei der dritten Aktionsform macht sich erst bemerkbar, dass es sich bei den Seelöwen um Gesellschaftswesen handelt. Bewegt sich ein Seelöwe auf dem Felsen fort und passiert dabei einen seiner Artgenossen, so starren sich die beiden an, zeigen einander wütend die Zähne und stoßen sich mal mehr, mal weniger heftig aneinander, bis einer der beiden aus dem Weg geht. Dabei nehmen die tonnenschweren Anführer der Herde die oberen Positionen des Felsens ein, den Kopf als Zeichen der Macht immer nach oben gestreckt. Unten tummeln sich die zarteren Artgenossen, die aber nicht weniger streitsüchtig und auf Emporkommen in der Hierarchie bedacht sind.
Auf ihre Lebenszeit bezogen nehmen die drei Aktionsformen die Anteile 45% - 45% - 10% ein. Ich könnte mir ein Leben als Seelöwe durchaus vorstellen, reizt mich doch der hohe Anteil an Lebenszeit im Wasser. Ich weiß aber nicht, ob das Leben an Land - vita contemplativa im Wechsel mit Unfrieden mit den Nachbarn und Geltungsstreben - zufrieden stimmt oder ob dies nicht sowieso schon Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Vielleicht ist der Mensch schon auf bestem Wege, ein Seelöwe zu sein.

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