Samstag, 13. Dezember 2014

Mein Leben im Wursthaus (Argentinien)

Ich gehe die steile Treppe herauf, zur rechten die bunten Glasfenster aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Linken eine Reihe 4 Meter hoher Türen an einem langen Flur ohne Dach: Dies ist eine typische casa chorizo, also ein Wursthaus. Die casa chorizo stammt aus der Zeit der großen Immigrationswelle um 1900 und heißt so, weil sie langgestreckt ist und sich Zimmer an Zimmer den Flur entlang aneinanderreiht. Ganze Familien bewohnten jeweils ein Zimmer, Bad und Küche wurde mit anderen Familien geteilt.


Heute ist diese casa mein Zuhause in Buenos Aires und ich muss mir mein Zimmer nicht mit einer Immigrantenfamilie teilen. Sasha, Marcelo, sein Sohn und die zwei Möpse Max und Fidel sind die wunderbaren Gastgeber, so wunderbar, dass ich manchmal vergesse, dass ich ja gar nicht zur Familie gehöre, sondern sie dafür bezahle, dass ich hier wohnen darf. Ich habe schon einen Hausschlüssel bekommen, denn Sasha sagt, ich gehöre wohl zur Familie. Manchmal fühle ich mich schuldig, wenn Sasha den Fußboden feudelt und ich dabei am Tisch sitze und Tee trinke. Wenn ich nichts mehr im Kühlschrank habe, kann ich sicher sein, dass Sasha und Marcelo spätestens um 22 Uhr für mich etwas zu essen auftischen. Unsere Wäsche waschen wir inzwischen gemeinsam.


Heute fragte mich Marcelos Sohn, ob ich an Gott glaube. In der Schule fragte er den Lehrer nämlich, warum die Leute nicht an den Weihnachtsmann glauben, wohl aber an Gott. Da gab es wohl ziemlichen Ärger: Der Lehrer rief zu Hause an und fragte bei den Eltern nach, wo er solche Ideen herhabe. Jetzt hat sich der chico auf die Meinung festgelegt, es könnte sein, dass Gott existiert, aber die Kirche sei ziemlicher Blödsinn - beachtlich. Und ob ich meinen Freund heiraten möchte, will er wissen.

Max

Wer bisher glaubte, Mops sei gleich Mops, den muss ich eines Besseren belehren. Die Möpse Max und Fidel könnten unterschiedlicher nicht sein: Max ist lethargisch und verschlafen, Fidel hingegen ist hyperaktiv und hat einen wahnsinnigen Blick. Vor Aufregung dreht er sich gern im Kreis und jagt seinem Hinterteil nach oder stürzt sich wie besessen auf seinen Artgenossen oder eine leere Colaflasche.



Fidel
Weil der Flur kein Dach hat, wird der Fußboden zum See , wenn es regnet. Marcelo legt dann einen Steg aus Paletten aus, über den wir uns ins Trockene retten.
A home away from home - diesen Slogan hat sich ein anderes heimeliges Hostel, in dem ich gewohnt habe, auf die Fahnen geschrieben, aber hier ist es noch mehr Wirklichkeit.

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