Freitag, 14. Juni 2019

Erinnerungskultur



So sparsam das so katholische Argentinien mit christlichen Feiertagen ist, so großzügig beschert es seinen Bewohnern nationale Feiertage. Dabei ist nicht nur die Vielfalt der Gedenkanlässe beachtlich, sondern auch das Ringen um die angemessene Interpretation und die Art und Weise, eine nationale Einheit heraufzubeschwören. Hier ein paar Beispiele aus dem Herbst:

24. März: Día Nacional de la memoria por la Verdad y la Justicia

Kaum sind die Karnevalstage zu Ende, schließt sich dieser ernste arbeitsfreie Tag an. Er erinnert an die letzte Diktatur, die am 24. März 1976 mit einem Militärputsch begann. Mit Gedenkveranstaltungen in den ehemaligen Kommandanturen, Gefängnissen und Folterstätten, die inzwischen zu Gedenkstätten und Dokumentationszentren umgewandelt wurden, wird des Staatsterrorismus, der Menschenrechtsverletzungen, der Verhafteten, Verschwundenen und Ermordeten gedacht, sowie gemahnt, den demokratischen Weg fortzusetzen. Gleichzeitig fällt das Bemühen der Politiker auf, die Vergangenheit in ihrem Sinne zu interpretieren. Gehörte in den frühen 2000ern das Mahnen an die Gräueltaten der Diktatur zum offiziellen Regierungsprogramm der Ära Kirchner, so ist es nun zum politischen Mainstream geworden. Eine überwältigende Mehrheit der Argentinier hat eine negative Sicht auf die letzte Diktatur. Die Ex-Präsidentin und Oppositionelle Cristina Kirchner nutzte den Gedenktag dieses Jahr, indem sie mit einer verbalen Ohrfeige gegen die aktuelle Regierung twitterte: „24. März 1976 – 24. März 2019: Zerstörung der nationalen Industrie, Zunahme der Armut und Verfolgung von Oppositionellen. Dieselbe Politik, dieselben Ergebnisse“. Diese Gleichsetzung von Diktatur und der aktuellen Politik wäre in anderen Ländern wohl als politisch unkorrekt durchgefallen. Hier erregt es einfach nur das Aufsehen, das die Verfasserin wohl auch beabsichtigt hat.

"Die Entschlossenheit der Kopftücher" - eine Referenz an die mutigen Großmütter, die ihre während der Diktatur verschwundenen Enkelkinder zurückforderten

Interessant ist auch die Diskussion um die Zahl der Opfer: Überall ist auf Graffitis und bei Demonstrationen von „30.000 desaparecidos“ (Verschwundenen) die Rede, von dieser Zahl ist überall zu lesen, wenn von der Diktatur die Rede ist. Andere Stimmen behaupten, namentlich nachgewiesen sei „nur“ eine Zahl von 9000 Opfern, die Zahl 30.000 sei symbolisch und pauschal angegeben worden, weil dies der völkerrechtlichen Definition für einen Genozid entspreche, und man somit Unterstützungsleistungen fordern könne - eine nicht belegte Behauptung.

2. April: Día del Veterano y de los Caídos en la Guerra de las Malvinas

Das Malvinas-Monument in Córdoba
Am 2. April 1982 besetzten argentinische Truppen die Malvinas (Falkland-Inseln), die sich seit 1833 (aus argentinischer Sicht unrechtmäßig) in britischem Besitz befinden. Bekanntlich endete der Krieg mit einer argentinischen Niederlage, auf argentinischer Seite waren 649 Tote zu beklagen. In jeder Stadt und jedem noch so kleinen Örtchen befindet sich an einem zentralen Platz ein „Malvinas-Memorial“, das an die Kriegstoten und die bis heute beanspruchte Souveränität erinnert. Der Gedenktag beschert dem Land in erster Linie einen meist sonnigen freien Spätsommertag, ansonsten wird er bescheiden mit kleinen Veranstaltungen von Militär und Veteranen begangen. Immer noch nicht sind alle Leichen identifiziert, immer wieder erscheinen Nachrichten, dass die Identität eines weiteren gefallenen Soldaten durch DNA-Analysen herausgefunden werden konnte.

Das Malvinas-Monument im Örtchen Los Antiguos
Während in der offiziellen Version die Soldaten als „Helden“ geehrt werden, gibt es andere Stimmen, die die Bezeichnung „Opfer“ vorziehen. Schließlich habe sich Argentinien in der Spätphase der Diktatur befunden. Der Krieg sei ein Mittel gewesen, von innenpolitischen Problemen wie dem wachsenden Widerstand gegen die Militärherrschaft abzulenken und einen präsentablen Erfolg verbuchen zu können. Viele der Soldaten – zum Teil erst 18 Jahre alt - hätten sich wohl kaum freiwillig zum Krieg gemeldet. Sie als Opfer zu bezeichnen, entgegnen andere, zeuge von fehlendem Respekt für diejenigen, die für die Souveräntität der Inseln gekämpft hätten.


Der beeindruckende Dokumentarfilm „Teatro la Guerra“ zeichnet eine arrangierte Begegnung von sechs Kriegsveteranen nach, von drei Briten und drei Argentiniern. Sie teilen Erinnerungen, stellen Schlachtplätze in einem dramenpädagogischen Setting nach und erzählen von ihren Gefühlen. Zu einer wirklichen Annäherung der beiden Gruppen kommt es nicht.


25. Mai: Día de la Revolución de Mayo


Das Leben ist nichts, wenn man die Freiheit verliert.

Auch wenn es bis zur Gründung der argentinischen Republik noch bis 1816 dauern sollte, markiert der 25. Mai 1810 einen wichtigen Tag in der argentinischen Geschichte. In der Mai-Revolution behaupteten sich die argentinischen Kräfte gegenüber dem spanischen Vizekönig und seinen Truppen und eine erste unabhängige argentinische Regierung wurde eingesetzt. Während der freie Tag im Familienkreis mit einem locro, einem Eintopf, der bei den kälter werdenden Tagen aufwärmt, begangen wird, ist er auch zugleich „Tag des Vaterlands“, sodass er zur Reflexion der Frage anhält, was eigentlich das Konzept „Vaterland“ ausmacht. Vaterland sei die Verbundenheit durch gemeinsame Werte und Solidarität, ist zu hören. Wenn es um „Vaterland“ geht, fallen mir als Außenstehendem Widersprüche auf. Einerseits der Stolz auf das Vaterland, andererseits das Schimpfen darauf, dass in diesem Land nichts funktioniere, dass in Europa alles besser sei, dass die Korruption alles kaputt mache, dass die Menschen überall ihren Müll liegen lassen und ihr Auto parken, wo sie wollen. Es wäre doch besser, wenn viele Menschen ihren Patriotismus dadurch zeigen würden, indem sie einfach mal ihre Steuern zahlen. Wie geht das zusammen? Ich kann mir nur erklären, dass in diesem Land, wo die Vorfahren der meisten Bewohner Immigranten waren, das Bedürfnis oder auch die Notwendigkeit groß war, einen gemeinsamen Wertekonsens und ein Nationalgefühl herzustellen, auch wenn die Wirklichkeit dem Ideal wohl kaum entspricht.

Die Schüler sammelten ihre Assoziationen zu den verschiedenen Provinzen Argentiniens und versahen sie mit den entsprechenden Illustrationen. Recht leer blieb die Fläche zur Provinz La Pampa.

Mittwoch, 15. Mai 2019

Was sie im Schilde führen


Fotomotive von Verkehrsschildern, die sich nur in bestimmten Ländern oder Regionen finden lassen, sind beliebt. Gern erinnere ich mich an das Schild „Wallfahrer kreuzen“, das ich am Rhein entdeckt habe, oder an das Schild mit der putzigen Schwanenfamilie, das an der viel befahrenen Inneren Kanalstraße in Köln vor der Schwanenwanderung Richtung Aachener Weiher warnt.


Nun, hier in Argentinien gibt es natürlich auch diese Verkehrsschilder mit folkloristischem Charakter: unübersehbar ist das Verkehrsschild, das vor kreuzenden Guanakos auf den schnurgeraden, wenig befahrenen Straßen Patagoniens warnt. Noch typischer aber ist vielleicht der Hinweis, der sich auf jeder Autobahn findet: „Las Malvinas son Argentinas“, also „Die Inselgruppe der Malvinen gehört zu Argentinien“. Nun ist das für keinen Argentinier eine überraschende Neuigkeit. Ganz im Gegenteil: Über den Anspruch Argentiniens auf die von Großbritannien besetzten Malvinas (Falklands) herrscht große Einigkeit. Vielmehr scheint dieses Schild den Geist nationaler Einheit beim Brettern über die autopista heraufbeschwören zu wollen. Wo in anderen Ländern etwa am Fahrbahnrand auf touristische Attraktionen oder auf eine glatte Fahrbahn bei Regen aufmerksam gemacht wird, wird hier gemahnt, die argentinische Souveränität über die atlantische Inselgruppe nicht in Zweifel zu ziehen. Ein Gesetz, das 2014 beschlossen wurde, legt fest, dass diese Schilder alle öffentlichen Verkehrswege zieren mögen.



Geht man an Ladenschaufenstern vorbei oder steht an der Kasse, so erblickt man Schilder, die vielleicht noch mehr Aufschluss über die Besonderheiten des Landes verraten. Der Hinweis „baños uso exclusivo para clientes“ (Benutzung der Toiletten nur für Kunden) überrascht keinen und ist sicher in vielen Kulturen verbreitet. Auffällig ist in Argentinien nur der Zusatz „no insista“: Bestehen Sie nicht darauf, die Toiletten trotzdem benutzen zu wollen! Das mag der ausgeprägten Kommunikationskultur geschuldet sein. Man könnte ja doch noch einmal nachfragen, ob der Inhaber eine Ausnahme machen könne. Und überhaupt werden Ausnahmen von jeder Regel gern gepflegt. Wie oft habe ich gehört „Eigentlich ist es ja so und so, aber wir machen es immer etwas anders.“ Warum soll dann ausgerechnet bei dieser Toilette keine Ausnahme gelten?


Eine Freundin erzählte mir, in ihrer Nachbarschaft gebe es eine Bar mit dem Aushang „Bestelle nichts, wenn du kein Geld dabei hast!“ Auch hier scheint der Barbesitzer vorher viele schlechte Erfahrungen mit Ausnahmen von der Regel gemacht zu haben, dass man für seine Bestellung bezahlt.
An der Kasse in den kleinen Lädchen treffe ich mit Regelmäßigkeit auf weitere Schilder. „Colabore con el cambio“ (Kooperieren Sie mit Kleingeld) heißt es immer wieder. In den kleinen Läden sind die Kassen in erster Linie leer, und wenn man drei Kopien mit einem 100-Peso-Schein (2,-€) bezahlen will, blickt man immer wieder in ratlose Gesichter auf der anderen Seite des Ladentresens. Interessant ist auch der Umgang mit Münzgeld im Zeichen der Inflation. Vor einem Jahr bekam man noch recht regelmäßig Münzen als Wechselgeld, dann wurden die Münzen immer rarer. Im Kiosk, fehlten dem Kassierer 1 oder 2 Pesos für das Wechselgeld, durfte man sich einen Bonbon als Alternativwährung aussuchen und mitnehmen. Inzwischen werden die Preise eigentlich nur noch auf 5 pesos auf- und abgerundet, damit man sich die Münzen sparen kann.


Eine sehr praktische Gebrauchsanweisung für diesen Kiosk: Alle wesentlichen Fragen werden beantwortet, bevor man ihn überhaupt betreten muss.

Gerne wird der Kunde auch mit den Hinweisen „Kontrollieren Sie Ihren Kassenbon“ und „Zählen Sie Ihr Wechselgeld nach. Später sind keine Reklamationen möglich“ gewarnt. Wie soll ich das verstehen? Was wollen sie mir sagen: „Wir sind nicht perfekt und machen auch mal Fehler“ oder: „Wenn du so blöd bist und nichts überprüfst, bist du selbst schuld“? Wahrscheinlich ist es aber nach vielen schlechten Erfahrungen das Vorbeugen vor Reklamationen und endlosen Diskussionen.
Einmal habe ich im Schreibwarenladen nach Whiteboardmarkern gefragt, aber die falschen Stifte ausgehändigt bekommen, ohne dass ich es merkte. Am nächsten Tag brachte ich sie zum Umtausch zurück, nachdem ich den Irrtum festgestellt hatte. Einen Kassenbon hatte ich wie so oft natürlich nicht bekommen (wohl aber hatte ich mit Kleingeld kooperiert, wie es an der Kasse angeschlagen stand), doch die Verkäuferin erinnerte sich noch an mich. Da mein Anliegen ihren Kompetenzbereich überschritt, musste sie mit ihrer Chefin telefonieren und meinen Fall schildern. Ich dürfe mir andere Stifte aussuchen, aber leider gab es nur rote, und die konnte ich nicht gebrauchen. Ich dürfe mir etwas anderes aussuchen, z.B. einen College-Block. Dabei hatten wir am Vortag schon gemeinsam festgestellt, dass es keine College-Blöcke mehr gab. Laut Chefin könne man mir das Geld jedenfalls nicht zurückzahlen. Ich machte einen Aufstand. Geduldig warteten bereits fünf Kunden hinter mir und mussten sich mein Theater anschauen. Ich hätte deutlich nach Whiteboardmarkern gefagt, betonte ich, aber die falschen Stifte bekommen. Es sei ein sehr schlechter Service, rief ich, wobei mir die arme, eingeschüchterte Kassiererin sogar recht gab, und ich fügte hinzu, das solle sie bitte ihrer Chefin weitergeben, und damit verließ ich den Laden, immerhin rutschte mir noch ein „gracias“ heraus. Ein Schild „Kontrollieren Sie bitte sofort, ob wir Ihnen die Ware verkauft haben, die Sie wirklich haben wollen. Anschließend sind keine Reklamationen möglich.“ wäre doch eigentlich ganz sinnvoll in diesem Laden.

Samstag, 9. März 2019

Ein verborgenes Juwel



Der Architekt Gustave Eiffel (dessen Vorfahren tatsächlich aus der Eifel stammten, nämlich aus Nettersheim) hat nie einen Fuß nach Córdoba gesetzt. Dennoch hat er sichtbare Spuren hinterlassen, so wie auch an anderen Orten Lateinamerikas. Der sichtbarste Orientierungspunkt ist ein nunmehr verrostetes Riesenrad, das auf einem Aussichtspunkt in den Parque Sarmiento montiert wurde. Ursprünglich war es für die Stadt Tucumán gedacht, wo es für das Festjahr 1916 – die 100-Jahr-Feier Argentiniens – errichtet wurde. Nach schon zwei Jahren musste der dortige Vergnügungspark schließen und zwei Unternehmer aus Córdoba interessierten sich dafür. So zog das Riesenrad nach Córdoba um, wo es wegen Montagefehlern, die dazu führten, dass die Speichen immer wieder verbogen, offenbar mehr schlecht als recht bis in die 70er Jahre in Betrieb war. Heute steht der rostende Koloss etwas ratlos und verloren neben den traurigen Löwen- und Tigergehegen des städtischen Zoos.

Die "Casa Eiffel"
 Das unscheinbarere, aber unglaublichere Juwel von Gustave Eiffel versteckt sich in einem gewöhnlichen Wohnviertel der Mittelschicht. Ein nordamerikanischer Unternehmer hatte die Idee, Fertighäuser aus Metall in Kisten zerlegt aus Frankreich über den Atlantischen Ozean zu verschiffen und in Argentinien aufzubauen. Zwei dieser Häuser landeten in Córdoba, von denen eines noch im barrio San Vincente zu sehen ist. Unglaublich einfach mutet das Prinzip an, mithilfe von Stahlpfeilern und kleinen Stahlplatten als Wänden, die von Nieten zusammengehalten werden und ein Doppelkammerprinzip zur Isolierung haben, ein Fertighaus zu errichten. So einfach das Prinzip, so verspielt gleichzeitig die Ornamentik am Balkongeländer und dem Dach, das die Galerie schützt. Schlitze sorgen für ein natürliches Lüftungssystem. Die „Nassräume“, also Küche und Bad, befinden sich in einem separaten Trakt, ansonsten wäre das Chalet wahrscheinlich schnell durchgerostet.

Das Konstruktionsprinzip
Zwar waren diese Fertighäuser topmodern, doch so richtig schien die Geschäftsidee nicht zu zünden. Dem Deutschen Karl Rooner, der in Córdoba mit der Errichtung des Chalets beauftragt war, gelang es erst nach ein paar Jahren, das Haus zu verkaufen, blieb aber als Mieter dort wohnen. Vielleicht war das Lüftungssystem doch nicht so genial: Die Winter sind schließlich kühl und der Wind soll mehr als einmal durch die Ritzen gepfiffen haben. 1936 gab es einen Besitzerwechsel: Kurioserweise wurde nur das Haus verkauft, nicht aber das Grundstück, sodass sich die Casa Eiffel ein zweites Mal auf die Reise machte, diesmal aber nur einen halben Block weiter. Offenbar – und das ist noch kurioser – wurde das Haus als Ganzes bewegt, und man weiß nicht, wie dies geschah, ob auf Rädern oder Schienen.




Zuletzt war die Casa Eiffel unbewohnt und dem Verfall preisgegeben, bis ein Nachbarschaftsverein sich des Juwels annahm und mit viel Herzblut und Enthusiasmus die Rettung initiierte. Nun macht der Verein das Haus der Öffentlichkeit zugänglich. Es erscheint mit seinen leicht korrodierten Wänden und der Mischung aus industrieller Sachlichkeit und Art-Deko-hafter Ornamentik wie ein kleines Wunder in seiner ach so gewöhnlichen Nachbarschaft. Präsentiert wird auch das eine oder andere Detail an Einrichtung und Kleidern, die man in der verwahrlosten Villa so vorfand, ein Zeichen der Liebe seiner Nachbarn, denen es gelang, die Casa Eiffel zu retten.

Liebevoll ausgewählte Einrichtungsdetails