Samstag, 29. November 2014

Wahlkampf (Uruguay)

Es gibt zahlreiche Uruguayos, die ihre politische Anschauung zur Schau tragen: Sie hängen Parteifahnen aus dem Fester, befestigen sie auf dem Auto oder tragen Aufkleber. Auf der Arbeit ist das Tragen von politischen Symbolen nicht erlaubt, aber das missfällt vielen; sie möchten ihre Ansichten auch den Kollegen oder dem Chef demonstrieren.



Die politische Leidenschaft ist diesen November besonders auffällig, denn Uruguay bereitet sich auf die Stichwahl im Kampf um das Präsidentenamt vor. Laut Umfragen steht das Ergebnis eigentlich schon fest. Tabaré vom Parteienbündnis Frente Amplio, ein Zusammenschluss von Gruppierungen, die von Sozialdemokraten bis zu Marxisten reichen, wird die Wahl gewinnen, und damit wird die Frente Amplio zum dritten Mal in Folge den Präsidenten stellen. Trotz der unspektakulären Konstellation - Tabaré war vor fünf Jahren schon Präsident - ist die Wahl den Uruguayos so wichtig. Vielleicht liegt das daran, dass in diesem kleinen Land die Politiker näher an der Bevölkerung sind. Oder daran, dass Uruguay eine Militärdiktatur überwunden hat, bei der 30000 Menschen (das ist fast 1% der Bevölkerung) ermordet wurden, sodass Demokratie als bewahrenswerte Errungenschaft angesehen wird und Teilhabe am politischen Leben geschaetzt wird.


Bei der Abschlussveranstaltung der Frente Amplio im Wahlkampf sind, so schätze ich, 100000 Menschen versammelt. Gesäumt wird das Areal von Ständen, bei denen man sich mit den nötigen Parteiassessoirs, vor allem Fahnen in jeder Größe, versorgen kann, von Hüpfburgen, Grillständen und Einkaufswagen gefüllt mit Bierdosen. Mitsingende Menschenmassen, in der einen Hand die Parteifahne, in der anderen selbstverständlich den Matebecher, die Thermoskanne unter'm Arm. Der Präsidentschaftskandidat Tabaré betritt die Bühne und hält eine patriotische, aber erstaunlich inhaltsleere Rede, vielleicht weil ihn ohnehin schon alle kennen und wissen, was sie an ihm haben. Bejubelt wird er dennoch.
Für den Uruguayo scheint es egal zu sein, ob er sich im Fußballstadion oder im Wahlkampf befindet, Hauptsache, man ist mit Leidenschaft dabei.



Nachtrag 1: Es ist der Vorabend der Wahlen: Vor den Alkoholregalen im Supermarkt hängt ein großes Plakat: Aufgrund eines Gesetzes darf vom Vorabend bis zur Schließung der Wahllokale kein Alkohol verkauft werden. Ähnlich ist es in der Bar, mein Bier befindet sich in einem Plastikbecher und ist offiziell gar kein Bier, die Flasche bleibt hinter dem Tresen. Die Jugend auf der Straße beeindruckt dieses Gesetz wenig; sie laufen mit Literflaschen des hiesigen Pilsen in ihren Badeschlappen herum.

Nachtrag 2: Ende des Wahltags. Tabaré Vasquez hat mit großem Abstand die Wahl gewonnen. Das Kleinstädtchen Colonia del Sacramento erwacht aus seinem Sonntagsschlaf. Autocorsos mit Parteifahnen, Menschenmassen auf dem Platz, die die Parteihymne grölen. Man könnte meinen, Uruguay sei Fußballweltmeister geworden.


Dienstag, 25. November 2014

Beobachtung der Seelöwen (Uruguay)

Beim Beobachten der Seelöwen stelle ich fest, dass sich ihr Tag durch drei Aktionsformen kennzeichnet.
Die erste Aktionsform ist die Lebenszeit im Meer, elegant-geschwind den Fischen hinterherjagend, manchmal aber auch nur keck auf dem Rücken liegend und den Kopf oder die Vorderflosse aus dem Wasser streckend. Ihr Leben scheint schwerelos, beschwingt und sorgenfrei.


Ihre Ruhezeiten auf dem Felsen - die zweite Aktionsform - sind durch bloßes Herumlümmeln geprägt, um sich aufzuwärmen. Manchmal drehen sich die Tiere auf den Rücken, um sich ihr Winterfell abzuschubbeln. Sie wirken kontemplativ; worüber sie nachdenken oder wovon sie träumen, bleibt mir verschlossen.
Bei der dritten Aktionsform macht sich erst bemerkbar, dass es sich bei den Seelöwen um Gesellschaftswesen handelt. Bewegt sich ein Seelöwe auf dem Felsen fort und passiert dabei einen seiner Artgenossen, so starren sich die beiden an, zeigen einander wütend die Zähne und stoßen sich mal mehr, mal weniger heftig aneinander, bis einer der beiden aus dem Weg geht. Dabei nehmen die tonnenschweren Anführer der Herde die oberen Positionen des Felsens ein, den Kopf als Zeichen der Macht immer nach oben gestreckt. Unten tummeln sich die zarteren Artgenossen, die aber nicht weniger streitsüchtig und auf Emporkommen in der Hierarchie bedacht sind.
Auf ihre Lebenszeit bezogen nehmen die drei Aktionsformen die Anteile 45% - 45% - 10% ein. Ich könnte mir ein Leben als Seelöwe durchaus vorstellen, reizt mich doch der hohe Anteil an Lebenszeit im Wasser. Ich weiß aber nicht, ob das Leben an Land - vita contemplativa im Wechsel mit Unfrieden mit den Nachbarn und Geltungsstreben - zufrieden stimmt oder ob dies nicht sowieso schon Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Vielleicht ist der Mensch schon auf bestem Wege, ein Seelöwe zu sein.

Montag, 24. November 2014

Cabo Polonio (Uruguay)


Der ausrangierte Fernseher steht auf der Düne.
Das wirkliche Leben spielt sich dahinter ab:
Ein grauer Wolkenschlauch zieht südwärts,
Erdrückt das Meer und die Hütte.
Die Surfer verlassen die Wellen und suchen Zuflucht.
Das Dünengras zittert in wechselnden Winden.
Einzig der Leuchtturm lässt unbeirrt
Seinen Lichtkegel in die Ferne schweifen.







Nun habe ich doch endlich einen Ort in Uruguay mit Atmosphäre und Spirit gefunden: Das Stranddorf Cabo Polonio. Von der Bushaltestelle steigt man in einen Truck um, der das Dorf auf einer Sandpiste durch die Dünenlandschaft erreicht. Normale Fahrzeuge kommen hier gar nicht an. 


Das Dorf ist eine Ansammlung verstreuter, einfacher Hütten, Strom kommt von der Solarzelle, Wasser aus dem Tank auf dem Dach. Die Atmosphäre gleicht der auf den ostfriesischen Inseln, nur ist alles einfacher, die Preise hingegen ähneln denen auf Sylt. Ich habe noch nie in einem so engen Hostel übernachtet wie hier, dennoch ist alles "buena onda" und "todo tranquiiii", was in Uruguay unglaublich wichtig ist.


Die Naturereignisse bestimmen den Tag: der wechselnde Wind, das Wolkenspiel, die Wellen, der Sternenhimmel.






Samstag, 15. November 2014

Auf der Suche nach der Tiefendimension (Uruguay)

Ein Land, das ausieht wie ein übergroßer Golfplatz. Eine Landschaft, die nicht nervt, für die aber das Adjektiv "atemberaubend" übertrieben erscheint. Landstriche, die auch am Niederrhein liegen könnten, nur fehlen die Häuser und es gibt ab und zu Palmen. Ich bin mir nicht sicher, warum ich eigentlich hier bin.


Taxifahren, in Costa Rica und Kolumbien ein großes Erlebnis, erfüllt einen in Uruguay mit Gleichmut. Das Taxi fährt im Schritttempo, eine Sichtscheibe zwischen Vorder- und Hintersitzen verhindert die Kommunikation mit dem Fahrer und suggeriert, dies sei eine hochkriminelle Gegend, was aber nicht zutrifft. Der Taxifahrer strahlt aus: "Lass mich einfach meine Arbeit machen.".
Das Meer: Auf der einen Seite der Rio de la Plata, eine gigantische Flussmündung, deren Wasser schokoladenbraun daherdümpelt. Auf der anderen Seite der Atlantik, der mir bekannt vorkommt, er ähnelt dem Meer von Holland, Belgien und Nordfrankreich. Die Seebäder haben Apartmentblöcke, wie sie Belgien nicht hätte trostloser hervorbringen können.





Die Menschen sind freundlich, aber nicht überschwänglich, sie sind nicht kontaktscheu, aber suchen auch nicht den Kontakt. Sie sehen für europäische Augen recht durchschnittlich aus.
Die Hauptstadt Montevideo ist weder schön noch hässlich. Es gibt schöne Plätze, aber in anderen Städten gibt es schönere. Die Strandpromenade ist lang, aber es fehlen die Bars und Cafés. Die Altstadt ist beschaulich, der Verfall der Bausubstanz ist jedoch bedauerlich. Die Stadt hat gigantisches Potential, was die Entwicklung zu einem touristisch attraktiven Ort betrifft, aber das scheint der Verwaltung egal zu sein.



Ist es Uruguays Schicksal, Repräsentant der Mittelmäßigkeit zu sein. Ich finde es schwer, einzutauchen und mich mit diesem Land zu verbinden.

Freitag, 7. November 2014

Erstaunliches (Uruguay)

Dieses kleine Land mit nur 3 1/2 Millionen Einwohnern erregt in vielerlei Hinsicht Aufmerksamkeit:


1. José Mujica
José Mujica, genannt Pepe, ist der weltberühmte Präsident Uruguays. Während der Diktatur war er Guerillakämpfer, was ihm 14 Jahre Gefängnis einbrachte, bis zu seiner Freilassung zu Demokratiezeiten. Er verzichtet darauf, in der Präsidentenvilla zu wohnen, statt dessen lebt er auf seiner Farm. Ebenso verzichtet er auf einen Großteil seines Gehalts, 90% spendet er an Charity-Organisationen und NGOs. Viele Uruguayos in diesem kleinen Land wissen, wo er zu Mittag isst, und man sieht ihn in seinem hellblauen VW Käfer herumfahren.
Jetzt stehen die neuen Präsidentschaftswahlen an. Da der Präsident laut Verfassung nicht wiedergewählt werden kann, hat sich der 77jährige Pepe ein neues Ziel gesetzt: Er möchte Kürbisse züchten.


2. Marihuana ist hier legalisiert. Man kann sich registrieren lassen, um in der Apotheke kleine Mengen zu einem staatlich festgelegten Preis zu erhalten. Offenbar kann man auch in der einen oder anderen Bäckerei nach einem "speziellen Brownie" fragen, der einem dann als "Bückware" überreicht wird.



3. Das Bildungsministerium hat eine Kommission beauftragt, Richtlinien zum Umgang mit sexueller Vielfalt zu erarbeiten. Im Entwurf steht, Lehrer sollen dazu ermutigt werden, sich vor der Klasse zu outen ("salir del armario"), um Schülern Möglichkeiten der Identifikation zu bieten.Schülern mit Trans-Identität soll erlaubt werden, ihren Vornamen zu ändern und die Toilette ihres Wunschgeschlechts aufzusuchen.



Donnerstag, 6. November 2014

Vom Mate (Uruguay)

Es ist schon merkwürdig , dass sich gerade in Uruguay die Tradition des Mate-Schlürfens verbreitet hat, kommt das Getränk doch von den indigenen Kulturen der Guarani und Quetchua, und diese sind hier quasi nicht sichtbar. Eigentlich heißt das Kraut, das die Grundlage, bildet Yerba und es wird noch nicht einmal in Uruguay angebaut, sondern in Brasilien.
Man benötigt Yerba, einen Holzbecher, der eigentlich Mate heißt und ursprünglich aus ausgehöhlten Kürbissen hergestellt wurde. Dann noch ein Trinkrohr aus Metall, die Bombilla, und eine Thermoskanne mit heißem Wasser.





Der Uruguayo beginnt im Alter von 12-14 Jahren mit dem Matetrinken und hört damit sein Leben lang nicht mehr auf. Das wundert auch nicht: Der Trank ist stark und bitter, ein Suchtfaktor scheint garantiert. Wem es gar nicht schmeckt, der fügt Zucker hinzu. Im Durchschnitt konsumiert ein Uruguayo einen Liter vormittags und einen nachmittags.



Das Straßenbild ist vollkommen von dieser Tradition geprägt. Jeder zweite Uruguayo läuft mit dem Matebecher die Straße entlang, unter den Arm klemmt er sich die Thermoskanne. Immer wieder bleibt er stehen, um Wasser nachzugießen und zu schlürfen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Erscheinungsbild lässig, kultig oder einfach nur umständlich finden soll...