Samstag, 17. Januar 2015

Zweimal Plaza de Armas (Chile)


Die großen Plätze der chilenischen Dörfer und Städte heißen meist "Plaza de Armas". Trotz ihres militärisch klingenden Namens sind sie schön gestaltet und laden zum Verweilen und Leute Beobachten ein.
In Ancud auf Chiloë ist ein Abend auf der Plaza de Armas immer unterhaltsam. Die Jungs spielen Kicker, die Studenten sitzen auf dem Rasen und spielen Gitarre, Straßenhändler verkaufen Schmuck und Strickpüppchen. Manchmal fährt ein Kind im Kettcar einem Passanten über den Fuß, manchmal missioniert ein Straßenprediger über Mikrophon, und manchmal gibt es einen Disneyfilm im Open-Air-Kino. Ein Bildhauer schafft traditionelle Kunst zu traditioneller Musik mit Akkordeon im Dreivierteltakt, die sich wiederum mit dem Gebimmel der Kirchenglocken und mit Sounds aus dem Ghettoblaster mischt. Aber das Beste ist der Pavillon in der Mitte, den die Jugendlichen in Beschlag genommen haben. Andere haben keinen Zutritt, scheint das stillschweigende Gesetz dieses Ortes zu sein. Sie schließen Musik an und üben täglich Breakdance. Sie drehen sich auf dem Kopf, dann auf einer Hand, üben Synchronschritte und applaudieren sich gegenseitig. Dabei ist ihre Vorstellung gar keine, sie üben wie im Privaten und scheren sich nicht darum, dass Passanten sie verstohlen beobachten.


Im viel kleineren Puerto Octay im Seengebiet scheint die schöne Plaza de Armas zunächst verwaist. Wenige Menschen sitzen einsam oder zu zweit auf einer Bank und schweigen, die Zeit steht still. Doch schließlich treffen Dorfbewohner Vorbereitungen für das Abendprogramm. Eine Anlage wird aufgebaut, die Standard -Latinosongs der lateinamerikanischen Welt werden gespielt und über Mikrophon kündigt ein Herr das Abendprogramm an: Zumba ab 20 Uhr. Schließlich tauchen pünktlich um Acht wie aus dem Nichts ca 50 Frauen auf, in Sportkleidung, und stellen sich gut organisiert in drei Reihen vor dem Pavillon auf. Rhythmische Latino-Musik, die so gar nicht zu dem verschlafenen Kaff mit seinen mäßigen Temperaturen passen mag, ertönt. Die Zumba-Session beginnt: Ein junger Mann betritt den Pavillon. Mit zackigen Bewegungen reißt er die Arme in die Höhe, wackelt mit der Hüfte, macht federnde Schritte vor und zurück und genießt es, sich dabei von den 50 Frauen bewundern zu lassen, die seinen Bewegungen in seligem Einklang folgen, die einen nicht weniger dynamisch, die anderen etwas tranig. Manchmal verlässt der Trainer die Bühne, um einzelne Teilnehmerinnen besonders anzuspornen - ist das Belohnung oder Schmach? Die Jugendlichen ignorieren das Spektakel und spielen Kicker. Nach einer guten Stunde ist der Spuk vorbei, die Mädchen sind müde, aber glücklich und hätten sicher noch gern ihren Trainer angesprochen. Der aber schlendert mit seiner Sporttasche zügig zum Auto und fährt davon. Gepflegte Langeweile kehrt wieder in Puerto Octay ein.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Parque Nacional Chiloë (Chile)



Im Pudu-Paradies

Milchig tropfender Tau
Geklammert am Blütenrand
Stämmewirrwarr dicht verkeilt
Ummoost und flechtenbeflochten
Sphagnum entquillt
Sumpfigem Grund

Doch wo bist du, Pudu?
Meidest den moorigen Morgen?
Entschwindest dem Stämmegewirr?
Erquickst dich nicht
An der schimmernden Blüte?

Oh Pudu, ruh du!









Im horizontalen Wald

Die Tepú-Bäume fallen und leben dennoch, sie wachsen waagerecht, wachsen diagonal, sie fallen und steigen. Ein willkürlicher, undurchdringlicher Stapel aus Stämmen, aus Zweigen, aus Grün. Meterhoch der Boden, der einst Holz war, trügerisch, mal hart, mal morsch. Moose entdecken dort ihr Refugium. Farne werden zu Bäumen. Flechten, ganz zart, wachsen wie Korallen.
Aber der Canelo: Ganz stolz strebt er gerade empor, heiliger Baum der Mapuche. Ein Versprechen vor ihm hält ewig. Ein Friede, geschlossen in seiner Anwesenheit, ist dauerhaft. Mein Friede, als ich ihn bestaune, ist ein innerer. Wie lange er anhaelt, ist ungewiss.








 Muelle del Alma

Am Ende der Welt
An sanft begrünten Hängen
An meeresumtosten Klippen
Führt ein Steg ins Nirgendwo
Ich betrete die Bretter
Die das Ende markieren
Schaue in die Unendlichkeit
Überschreite ich die Schwelle
Ins Nichts

Werde ich fliegen?











Mittwoch, 7. Januar 2015

Nach alter Sitte (Chile)

Im Cafe Colonia
Die Schilder verkünden Tradition.
Holzgetäfelte Wände versprühen Müdigkeit.
Die Uniformen der Kellnerinnen: nicht Livree, nicht Tracht, nicht Heilsarmee.
Aber von allem etwas.




In der Disco
Die Jünglinge tanzen die verspiegelte Tanzfläche an.
You take my self, you take my self control.
O-o-oh, o-o-oh.

Auf der Straße
Señor Conductor: Beachten Sie die Regeln für das Parken
Señor Peatón: Überqueren Sie die Straße nur bei Grün.


In Entre Lagos
Eine Kuchenstraße.
Gemusterte Tischdeckchen.
Das Pulver Nescafé steht auf dem Tisch.
Ein paar Spritzer heißes Wasser aus der Thermoskanne.
 - Fertig.









Dienstag, 6. Januar 2015

Felices fiestas (Argentinien/ Chile)


Pünktlich nach Halloween sprießen die Plastikweihnachtsbäume in den Shoppingmalls in die Höhe. Multimediale Weihnachtsinstallationen mit Sohn und Tochter im Vordergrund sind ein beliebtes Fotomotiv. Der Weihnachtsbaum vor der Casa Rosa, dem Domizil der argentinischen Präsidentin besticht weder durch Bescheidenheit noch durch Geschmack.
Schließlich ist es Heiligabend (buena noche): Die Shoppingmall hat nach einem 24-Stunden-Shoppingmarathon tatsächlich geschlossen, und Friede kehrt ein.

Der haesslichste Weihnachtsbaum steht bei der Praesidentin vor der Haustuer

Während Bilder aus Deutschland über Whatsapp mit den gewohnten Motiven der Besinnlichkeit und Bescherung auf meinem Smartphone eintrudeln, sitze ich in Shorts, T-Shirt und Badeschlappen am Tisch, esse Oliven und bin gespannt, was passieren wird. In Argentinien beginnen die Abende spät, das gilt auch für heilige Abende, denn gegessen wird ab zehn. Schließlich folge ich der Einladung aus der Nachbarschaft in ein kleines Restaurant. Eigentlich ist es geschlossen, nur für die Familie und Nachbarn ist ein großer Tisch gedeckt, an dem schon viele sitzen. Wir machen uns über die Fleischberge her, Rind, Haehnchen, Zunge... Kurz vor 12 wird die Geschellschaftr ganz aufgeregt, als sei schon Sylvester: Wir zählen die Sekunden bis zur Weihnacht herunter, es wird gejubelt, dann gibt's Sekt, und jeder wünscht einander "feliz navidad", mit dem obligatorischen Küsschen auf die rechte Wange, egal ob Männlein oder Weiblein. Jetzt schnell auf die Dachterrasse, es gibt Feuerwerk ueber den Daechern der Stadt, danach eine Open-Air-Party, Marcelo legt auf. Als ich um drei ins Bett gehe, kommen immer noch Gäste die Treppe herauf.



So ausgelassen der Heiligabend in Argentinien begangen wird, so privat geht es an Sylvester in Chile zu. Zwar kann man schon tagsüber lustige Partyhütchen auf der Straße kaufen, doch findet die Feier meist im Familien- oder Freundeskreis statt. Alternativ versammelt man sich auf der Plaza de Armas, um sich mit Fremden in den Arm zu fallen und ihnen ein "feliz año nuevo" zu wünschen. Feuerwerkskörper sind verboten, dafür schießt die Stadt in zentraler Lage ein großes Feuerwerk ab. Hunde und Katzen haben sind die Koenige des Abends, sie sind glücklich, ihre Ruhe zu haben. Wer es dann doch nicht ganz so privat mag, darf ab zwei noch in den Club, carrete (fiesta) bis zum Morgengrauen.









Samstag, 27. Dezember 2014

Im Land der Langsamkeit (Argentinien)

Ich gebe es zu, ich bin ein ungeduldiger Mensch. Aber ich habe in Lateinamerika dazugelernt: gelernt, dass man bei einer Verabredung um drei nicht unbedingt um drei erscheinen sollte. Gelernt, dass es im Geschäft nicht immer Wechselgeld gibt, sodass der Nachbarladen schonmal aushelfen muss. Und dass man im Telefonladen zwar eine SIM-Karte kaufen kann, jedoch um Geld darauf aufzuladen, in ein ganz anderes Geschäft geschickt wird.
Ist dies alles für mich Normalität geworden, so wird doch in Argentinien meine Ungeduld auf bisher unbekannte Weise herausgefordert. Im hiesigen Supermarkt "Coto" sind die Schlangen an der Kasse gar nicht so lang. Die Kassierer(innen) aber führen jeden Warenartikel mit einer Zähigkeit über den Scanner, als würden sie eine 30-Kilo-Hantel bewegen. Die sogenannte caja rapida ( für weniger als 20 Artikel) ist eine pure Lüge: Die Kundin vor mir kauft einen großen Ventilator. In aller Ruhe werden alle Einzelteile aus der Packung geholt und begutachtet, bis auf dem Kassenband ein solches Einzelteile-Chaos herrscht, dass es unmöglich ist, den Originalzustand im Karton wiederherzustellen. Das zweite Mal ist Schichtwechsel an der caja rapida. Ohne System wuseln zwei Kassierinnen herum, zählen Geldscheine, füllen Listen aus, bis schließlich die eine Platz nimmt, um mit der gewohnten 30-Kilo-Hantel-Bewegung Waren über den Scanner zu führen.


Ein hier lebender Bekannter sagte mir, er habe noch nie so unambitionierte Menschen wie in Argentinien getroffen. Die krisenanfällige Wirtschaft mit einer Inflation von über 30% wäre dafür eine Erklärung: Warum soll ich mich anstrengen, wenn das Geld, das ich verdiene, morgen nichts mehr wert ist?
Ein weiteres Thema ist der hiesige Wankelmut. In einer der ausgezeichneten Eisdielen steht ein Kunde vorne in der Warteschlange: Chocolate Suiza y menta granizado, por favor, nee doch nicht, Plan zurück, doch lieber einen Becher mit drei Sorten, durazno y ... oder doch ganz was anderes, als ginge es darum, einen Bausparvertrag zu unterzeichnen.

Am Ende also doch: eine Boetchentour
Eine Verabredung mit meiner Bekannten drohte auf die Unendlichkeit hinausgeschoben zu werden, hätte ich nicht insistiert. Man könne sich am Montag im Vorort Tigre treffen, erst Kaffee trinken, dann Bötchen fahren, schlug sie vor, die Boote seien am Montag auch nicht so voll. Super Idee, stimmte ich zu, alles klar, bis Montag. Wenn das Wetter am Montag aber schlecht sei, könne man sich auch schon am Wochenende treffen, hieß es am nächsten Tag. Am übernächsten, man könne auch gemeinsam die Kunsthalle besuchen, die sei aber nur Mittwochs bis Sonntags geöffnet. Ob die Bötchen am Montagnachmittag führen, sei zweifelhaft, hieß es schließlich am Tag unserer Verabredung. Mit der mir eigenen norddeutschen Sturheit blieb ich beim Originalplan, und es kam schließlich zum Treffen. Die Bötchentour drohte fast dem argentinischen Wankelmut zum Opfer zu fallen, da der Ticketverkäufer um 14 Uhr noch nicht wusste, ob die Fahrt um 15 Uhr stattfinden würde. Doch tatsächlich konnten wir eine Stunde später das Boot besteigen. Vielen Dank für die Lehrstunden, liebe freundliche Argentinier, ich werde versuchen, mich noch mehr zu gedulden.

Dienstag, 16. Dezember 2014

Extreme Leidenschaften (Argentinien)

Boca oder River?
Kirchner oder Macri?
Entscheide dich! Und vor allem sei Feuer und Flamme!

"Welches ist deine Lieblings-Fussballmannschaft?" - "Ich interessiere mich nicht so fuer Fussball." - "Ja, aber welches ist dein Team?" - "Ich habe keins." - "Ok, aber welcher Spieler gefaellt dir am besten?"

Gleichgültigkeit scheint in Argentinien ein unbekanntes Gefühl zu sein. Du musst Fußballfan sein, vorzugsweise entweder von Boca oder River Plate. Oder mach es wie der Papst und suche dir ein drittes Team, um den schlimmsten Rivalitäten auszuweichen, er ist Fan von San Lorenzo. Jeden Abend scheint irgendeine Mannschaft zu feiern, so erklären sich die vielen Feuerwerke, die abends zu hören sind. Oder die Fanscharen, die fahnendchwingend und tanzend vor den Kneipen ausrasten.

Trommeln fuer Cristina - auch im stroemenden Regen
Ähnlich leidenschaftlich geht es in der Politik zu. Am Tag der Demokratie (10. Dezember) feiern Peronisten, Kirchneristen, Gewerkschafter und weitere linke Gruppen das Ende der Demokratie. Die Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner nutzt (missbraucht?) diesen Tag für ihren Wahlkampf. Hunderttausende versammeln sich in der Innenstadt, trommelnd, johlend, fahnenschwingend, um sie dabei zu unterstützen. auch strömender Regen kann sie nicht davon abhalten. Am Straßenrand kann man Bilder der Präsidentin erwerben, die madonnenhaft hinter der Staatsflagge steht. Das gleicht einem Dovotionalienhandel.


Ironischerweise musste dieses Jahr der Tag der Demokratie um 3 Tage nach hinten verschoben werden: Am 10. Dezember hatte River Plate ein internationales Pokalspiel, da wäre wohl keiner gekommen, um die Demokratie zu feiern. Am 12.12. wiederum ist für Boca Fantag (día de los hinchas - die Fans als 12. Spieler, welche Symbolik!), weshalb man den Fans von Boca das Stadtzentrum überlassen musste. Muss man sich also zwischen Politik und Fussball entscheiden, ist schon klar, welche Praemissen gesetzt werden.


Der Bürgermeister von Buenos Aires heißt Macri und vertritt eine neoliberale Politik. Die Stadt plant, die Zuschuesse fuer Jugendorchester zu kuerzen und vor allem einkommensschwachen Familien weniger Unterstützung beim Instrumentalinterricht zu gewähren. Im Park fand die entsprechende Reaktion darauf statt: Jugendliche und erwachsene Musiker versammelten sich im Park zu einem Protestkonzert, schimpften auf den Buergermeister und stellten ihre Existenzberechtigung durch ein wunderschoenes Parkkonzert unter Beweis.




Samstag, 13. Dezember 2014

Mein Leben im Wursthaus (Argentinien)

Ich gehe die steile Treppe herauf, zur rechten die bunten Glasfenster aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Linken eine Reihe 4 Meter hoher Türen an einem langen Flur ohne Dach: Dies ist eine typische casa chorizo, also ein Wursthaus. Die casa chorizo stammt aus der Zeit der großen Immigrationswelle um 1900 und heißt so, weil sie langgestreckt ist und sich Zimmer an Zimmer den Flur entlang aneinanderreiht. Ganze Familien bewohnten jeweils ein Zimmer, Bad und Küche wurde mit anderen Familien geteilt.


Heute ist diese casa mein Zuhause in Buenos Aires und ich muss mir mein Zimmer nicht mit einer Immigrantenfamilie teilen. Sasha, Marcelo, sein Sohn und die zwei Möpse Max und Fidel sind die wunderbaren Gastgeber, so wunderbar, dass ich manchmal vergesse, dass ich ja gar nicht zur Familie gehöre, sondern sie dafür bezahle, dass ich hier wohnen darf. Ich habe schon einen Hausschlüssel bekommen, denn Sasha sagt, ich gehöre wohl zur Familie. Manchmal fühle ich mich schuldig, wenn Sasha den Fußboden feudelt und ich dabei am Tisch sitze und Tee trinke. Wenn ich nichts mehr im Kühlschrank habe, kann ich sicher sein, dass Sasha und Marcelo spätestens um 22 Uhr für mich etwas zu essen auftischen. Unsere Wäsche waschen wir inzwischen gemeinsam.


Heute fragte mich Marcelos Sohn, ob ich an Gott glaube. In der Schule fragte er den Lehrer nämlich, warum die Leute nicht an den Weihnachtsmann glauben, wohl aber an Gott. Da gab es wohl ziemlichen Ärger: Der Lehrer rief zu Hause an und fragte bei den Eltern nach, wo er solche Ideen herhabe. Jetzt hat sich der chico auf die Meinung festgelegt, es könnte sein, dass Gott existiert, aber die Kirche sei ziemlicher Blödsinn - beachtlich. Und ob ich meinen Freund heiraten möchte, will er wissen.

Max

Wer bisher glaubte, Mops sei gleich Mops, den muss ich eines Besseren belehren. Die Möpse Max und Fidel könnten unterschiedlicher nicht sein: Max ist lethargisch und verschlafen, Fidel hingegen ist hyperaktiv und hat einen wahnsinnigen Blick. Vor Aufregung dreht er sich gern im Kreis und jagt seinem Hinterteil nach oder stürzt sich wie besessen auf seinen Artgenossen oder eine leere Colaflasche.



Fidel
Weil der Flur kein Dach hat, wird der Fußboden zum See , wenn es regnet. Marcelo legt dann einen Steg aus Paletten aus, über den wir uns ins Trockene retten.
A home away from home - diesen Slogan hat sich ein anderes heimeliges Hostel, in dem ich gewohnt habe, auf die Fahnen geschrieben, aber hier ist es noch mehr Wirklichkeit.