Mittwoch, 25. Februar 2015

Ein lebendiger Ort für die Toten (Chile)



Eine Stadt der Toten als Spiegel einer lebendigen Stadt - so erlebe ich meinen Besuch des Zentralfriedhofs (Cementerio General) in Santiago de Chile. Die Vielfalt der Bestattungsformen ist einerseits Ausdruck der extremen Einkommensgegensätze, andererseits lassen sich gesellschaftliche Gruppierungen und geschichtliche Ereignisse ablesen.

Mausoleum im Stil einer Aztekenpyramide

Zunächst fallen die imposanten alten Familiengruften auf, bei denen die Phantasie der Architekten keine Grenzen kannte: In Form einer Aztekenpyramide, gotisierend oder im maurischen Stil ragen sie wie Villen auf, Treppenaufgaenge machen sie noch imposanter. Im Gegensatz dazu stehen die Mauern, in denen diejenigen mit geringerem Einkommen bestattet werden, so z.B. der Dichter und Sänger Victor Jara, der 1973 im Putsch von den Militaers ermordet wurde. Er verfügt allerdings über zwei Gräber, da er später in ein Erdgrab verlegt wurde, um ihm nachträglich die Ehre zu erweisen, die er verdiente.

Mausoleum der Zirkusfahrer

Dann gibt es Mausoleen für alle möglichen Gesellschaftsgruppen, ein Spiegel der ethnischen Herkunft von Santiagos Bewohnern und der vielen Taetigkeitsbereiche: Die Gewerkschafter der Stadt Santiago, die italienische Gemeinde, die kroatische Gemeinde, die Moslems, ja sogar die Zirkusleute haben ihr eigenes Mausoleum! Es trägt den Titel "Circus celestial" (himmlischer Zirkus) und wird von einem Zeltdach überspannt. Helle Farben vermitteln den Eindruck, dass die Zirkusfahrer ohnehin aus einer anderen Welt stammen.

Graeber der detenidos und desaparecidos

Der Opfer des Pinochet-Regimes wird auf besondere Weise gedacht. Die Desaparecidos und Detenidos (Verschwundene und Verhaftete) liegen auf einem großen Gräberfeld mit schlichten Metallkreuzen, das Grabstätte und nationaler Erinnerungsort zugleich ist. Nur vor wenigen Kreuzen liegen Blumen, viele tragen (noch) gar keine Namen, da lange nicht alle Toten identifiziert sind.

Memoria de la diversidad
Ein neuerer Ort des Gedenkens ist das Memorial por la Diversidad. Es ist Daniel Zamudio Vera gewidmet, einem jungen Mann, der 2012 von Neonazis ermordet wurde, weil er seine Homosexualität offen lebte. Die Tat erschütterte Chile und initiierte einen Reflexionsprozess über den Umgang mit sexueller Vielfalt. Das Memorial als juengster "Baustein" des Friedhofs weist die Richtung eines sich veraendernden Bewusstseins, wie ueberhaupt dieser Friedhof von Stagnation und Veraenderung, von reichen und armen Menschen, von Prominenten und Vergessenen erzaehlt.


Auf dem Grab Violetta Parras

Das Grab Salvador Allendes


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