Ich sehe müde, matte Gesichter auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause, in der Metro zur Rushhour. Gelacht wird hier in Santiago weniger als in anderen lateinamerikanischen Großstädten. Der Neoliberalismus hat in Chile eine beunruhigende Ausprägung: Gearbeitet wird viel, verdient wird wenig. 60% der Bevölkerung verdient 600 € oder weniger, und das bei Preisen, die fast so hoch sind wie in Deutschland.
Für die kurze Mittagspause der Geschäftsmänner dient eine chilenische Erfindung - Café con piernas (Kaffee mit Beinen). Hinter schillernden Namen wie Café Haiti verbergen sich Kaffeebars, in denen die Männer am Stehtresen den mit kürzesten Röcken bekleideten Damen beim Servieren zusehen. Damit sich der Hintern der Kellnerinnen auf Augenhöhe der Gäste bewegt, arbeiten jene auf einem erhöhten Tableau. Die verschärfte Variante des Café con piernas befindet sich in Seitenstraßen und Geschäftspassagen hinter verdunkelten Schaufensterscheiben, auf denen ganz unverfänglich "Café" geschrieben steht. Hier wird der Café mit noch weniger Kleidung serviert, ein Küsschen ist wohl auch im Preis inbegriffen. Welch eine Erfindung! Vielleicht liegt es gerade an der konservativen Grundstimmung und am Katholizismus, dass sich ausgerechnet hier diese eigenartige Kulturform der Doppelmoral herausgebildet hat.
Dass die chilenische Gesellschaft so lange stagniert hat, mag daran liegen, dass die Diktatur erst vor 25 Jahren endete. Zwar sind die Verbrechen des Pinochet-Regimes eindrucksvoll im Museo de los Derechos Humanos aufgearbeitet, doch sind viele Bestandteile der Verfassung noch aus der Zeit der Diktatur. Die parlamentarischen Verfassungsreformen sind mühsam, da das herkömmliche Wahlsystem immer noch diejenigen privilegierte, die seinerzeit das Pinochet-Regime unterstützten. Die Gewerkschaften sind immer noch geschwächt, ein Gesetzesentwurf, der Abtreibung zumindest im wenigen Härtefällen legalisieren soll, wird kontrovers diskutiert, und an den dringend notwendigen Bildungsreformen beißt sich die Regierung gerade die Zähne wund.
Neulich sah ich im Kino den Dokumentarfilm "El vals de los inútiles", der eindrucksvoll die Studentenproteste von 2012 vor Augen führte. Studieren ist teuer in Chile. Auch um an staatlichen Universitäten zu studieren, müssen Familien an den Einkommensverhältnissen gemessen viel Geld bezahlen. Doch ist ein Hoffnungsschimmer in Sicht: Erst gerade hat das Parlament das Wahlsystem reformiert, das für gerechtere Repräsentation sorgen soll. So ist zu hoffen, dass mehr Dynamik ins Land kommt.





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