Freitag, 13. März 2015

Valparaíso, lass mich nicht geh'n (Chile)



Verträumt-sentimental, glücklich und traurig zugleich verlasse ich nach 2 1/2 Wochen Valparaíso. Die Stadt ist ein übergroßes Gemälde, und zugleich ein Gesamtkunstwerk, das man riecht, fühlt und hört. Hafengeräusche und Schiffe der Hamburg-Süd erinnern an die große, weite Welt, zu der Valparaíso vor der Eröffnung des Panamakanals einst gehörte. Die Unterstadt lateinamerikanisch-quadratisch geplant, Menschengewirr, Straßenmärkte, eine unendliche Kette aus Mikrobussen und Trolleybussen aus fernen Zeiten. Die 42 Hügel im Gegensatz dazu sind desorgansiert, ruhig, die Gassen labyrinthartig mit bunten Häusern. Katzen drappieren sich wie arrangiert auf Treppenabsätze und Gartenmauern. Hinauf führen mich steile Treppen oder Drahtseilbahnen, die nach hundert Jahren ächzen, stöhnen und ruckeln. Die Hügel sind ein Paradies der Graffitkünstler, und selbst wenn die Graffitis nicht sprechen, so sagen sie doch etwas:

"Mir gefällt es, wenn du schweigst und die Träume pustest."
"Vertrau mir, meine Tränen sind dein Wasser, mein Mantel ist deine Zuflucht, mein Atem dein Ofen."
"Wir wissen nicht, was der Plan ist, denn wir haben ja uns."
"Onkel, wenn du zu Besuch kommst, flechte ich dir einen Sternenkranz."

Valparaísos Bewohner - anders als in Santiago - sind langsam, entspannt und gesprächig. Die Bewohner eines Hügels grüßen sich wie auf dem Dorf. Auch ich halte an und verwickle mich in ein Schwätzchen. Sie sind Künstler, Lebenskünstler, Studenten. Bei Astrid und Rodrigo ist es wie in einer bescheidenen Familie, die Kunst des Tischgesprächs wird gepflegt wie auch die des kreativen Würzens ihrer Gerichte und die bildende Kunst.

Mit Fabián und Bastián sind die Gespräche witzig-charmant, die Nächte lang in Bars mit Latino-Livemusik, ähnlich einer Talentschmiede, und auf billigen Plastikstühlen sitzend, oder in einer charakterlosen Disco mit guter Stimmung.

Valparaíso, lass mich nicht gehen! Lass mich zumindest diese unwirklich-kitschige Erinnerung an dich festhalten. Und lass mich ein Stück dieser herrlich-naiven Sentimentalität bewahren.









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