Samstag, 25. April 2015

Inka-Getinker (Perú)


Um es von Vorneherein klarzustellen: Nein, ich habe Machu Picchu nicht besucht. Damit bin ich wahrscheinlich der einzige Peru-Reisende, der diese gigantische Inkastadt auslässt. Die Gegend um die ehemalige Inkahauptstadt Cusco quillt förmlich über von Inkakultur, es ist gar nicht nötig, sich auf die mühsame, überteuerte und von Touristen überschwemmte Reise nach Machu Picchu zu machen, um sich einen Einblick in Kultur und Lebensweise des Andenvolkes zu verschaffen. Ich begebe mich lieber auf den mühsamen Aufstieg zu den Ruinen von Pisac: Gigantisch der Ausblick ins Heilige Tal, mühsam angelegte Terrassen für die Landwirtschaft und eine Festung und Tempelanlagen so massiv, als wären sie für die Ewigkeit erbaut, obwohl die Kultur doch nur einige 100 Jahre überdauerte. Hier bin ich allein, genieße die dramatische Hanglage, die imposanten Trümmer, die Ruhe im kühlen Wind. Auf dem Rückweg kommt mir ein Junge in Schuluniform entgegen. Offenbar auf dem Heimweg klettert er die jahrhundertealten Trampelpfade mit wesentlich weniger Mühe hoch als ich. Seine Familie bewohnt das unwegsame Hochland, so wie es die Inkas seinerzeit taten.
 
 
Ja, die Inkas hatten ein Gespür für spektakulär angelegte Stadtbefestigungen und Heiligtümer. Landschaft und Zivilisation scheinen eine natürlich verbundene Einheit zu bilden. Massive, mannshohe Steine wurden viele Kilometer transportiert, und das ohne Räder und in unwegsamem Gelände. Ein hocheffizientes Transportsystem sorgte dafür, dass im Großimperium niemand hungern musste. Mit der ebenselben Effizienz war es ihnen innerhalb kurzer Zeit gelungen, sich sämtliche Völker zwischen Ecuador und Chile zu unterwerfen.
 
 
 
 
So beeindruckend die Leistung der Inkas auch gewesen sein mag, ich will eine Lanze brechen für die viel älteren verschwundenen Kulturen, die in Europa so wenig bekannt sind, deren Studium aber in Perú lohnt. Denn die Inkas waren eine vergleichbar junge Kultur, und wenn man sich anschaut, was sie an Metallschmuck und Keramik zu Wege brachten, so wird ihre Kunst von den filigranen Leistungen älterer Andenvölker überblendet.
Nur wenig weiß man über die Kultur der Chavín, da diese schon so wahnsinnig alt ist (1800 - 200 v.Chr.). Sie hinterließen rätselhafte Steinstelen, Steinköpfe mit bezaubernden Fantasiefiguren, aber vor allem Keramik mit figürlichen und abstrakten Formen, die heute noch einen Preis auf dem Oldenburger Töpfermarkt gewinnen würden.
 
Karikatur oder Portrait? - Chavín-Kultur
 
Die Nazca-Kultur entwickelte sich zwischen 200 v.Chr. und 600 n.Chr. unter klimatisch unvergleichlich widrigen Bedingungen. Zwar siedelten die Nazca am Meer, doch an einem extrem trockenen Wüstenstreifen, den sie durch ein Kanal- und Bewässerungssystem fruchtbar machten. Dass sie unter diesen extremen Bedingungen die Muße fanden, ihre Teller und Krüge mit schönsten Farben, Tiermotiven und Mustern zu bemalen, erscheint mir rätselhaft.


Keramik und anderes Handwerk ist in vielen anderen Kulturen viel meisterhafter als bei den Inka: hier Keramik der Nazca

Viele Elemente finden sich in zahlreichen präkolumbianischen Kulturen wieder: seltsame Schädelverformungen, die schon bei Kindern durch Applikationen am Kopf erwirkt wurden und scheinbar ein Zeichen des sozialen Rangs waren. Oder die für uns grausam erscheinenden Menschenopfer. Und doch zeigen sich in der Kunst großartige Einzelleistungen, sei es in der Verarbeitung von Gold, Keramik oder Teppichweberei.

 

gaaanz alte Holzkunst

 

Die Inkafestung und Tempelanlage von Sacsayhuamán

 

 

Dienstag, 7. April 2015

Semana Santa total (Perú)


Semana Santa total in Perú: Auf der Busfahrt zwischen Areuquipa und Puno erhebt sich ein Passagier, schreitet nach vorne und wird zum selbsternannten Prediger: Die Semana Santa sei eine Woche zur Reflexion, zum Nachdenken über das eigene sündige Fehlverhalten, zur Würdigung des familiären Zusammenhalts usw. Seine Predigt dauert ungefähr eine halbe Stunde, zur Unterhaltung oder Belästigung der Fahrgäste - je nach Gemüt. Am Ende lässt er es sich nicht nehmen, Süßigkeiten zu verkaufen. Dass sich bald danach ein selbsternannter Quacksalber vom Sitz erhebt und eine ebenso lange Rede über Verdauung und Reinigung des Körpers hält, um anschließend dubiose Pillen zu verkaufen, gehört nicht zum Thema, sei aber am Rande vermerkt.


Im Dörfchen Cabanaconde zieht bei Anbruch der Dunkelheit eine Osterprozession durch die Gassen. Vorweg ein kleiner Junge, der mir mit Herzenslust Weihwasser ins Gesicht spritzt (vielleicht ahnt er, dass ich Protestant bin). Es folgen die Frauen mit Kerzen in der Hand und meist ernstem Gesichtsausdruck, die Mutter des kleinen Jungen allerdings kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Dann der Priester, der die ganze Zeit rückwärts geht, dabei aber nicht einmal stolpert, und die Gemeinde zum lauten Singen anhält. Laut und schief singend dann die Männer, die, nicht nur weil sie der direkten Beobachtung des Priesters unterstehen und deshalb besonders laut singen müssen, sondern auch weil sie den schweren Aufbau der Christusfigur zu tragen haben, mir etwas leidtun. Den Zug beschließen die Dorfjugendlichen mit ihren Handys in der Hand, die sich unterhalten und sich nur halbherzig mit der Veranstaltung identifizieren.



Größer angelegt ist die Karfreitagsprozession vor der Kathedrale von Puno. Schon vor der Prozession gleicht der Vorplatz der Kathedrale einem Straßenmarkt, auf dem man Prozessionsaccessoires wie Kerzen oder Blumen, aber auch Zigaretten und die obligatorischen Lamapüppchen und Freundschaftsbändchen erwerben kann. Vor der Kathedrale positionieren sich die Gruppen der Staatsgewalt: Bomberos (Feuerwehrleute), darunter auch Mini-Bomberos zwischen 5 und 12 Jahren, der Größe nach geordnet Spalier stehend, Polizisten verschiedenster Sorten und Soldaten. Die Tore der Kathedrale öffnen sich und geben den Blick frei auf den stimmungsvoll beleuchteten Innenraum. Die Prozession beginnt. Diesmal rekrutiert sie sich tatsächlich aus den Repräsentanten des Staates: Es beginnen die Bomberos, gefolgt von den Polizisten. Hinter dem Leib Christi schließlich marschieren die Soldaten mit Militärkapelle. Katholizismus als Staatsreligion, so kommt es mir vor. Mobile Generatoren beleuchten die Heiligenfiguren, und so kann der Zug - von den Polizisten, die nicht mitmarschieren (müssen oder dürfen?), eskortiert - seinen Weg durch die Stadt nehmen.
religiöse Kunst - muss man nicht moegen
Weder Karfreitag noch Ostersonntag ist die Stadt übrigens ausgestorben: Auf den Märkten blüht reger Handel, Familien besuchen die Restaurants. Osterhasen, Schokoeier und das Osterlamm sucht man allerdings vergebens.






Sonntag, 5. April 2015

Canyon de Colca (Perú)




Eine uralte, fruchtbare Kulturlandschaft aus terrassierten Hügeln auf über 3000m Höhe, zwischen denen sich der Fluss Colca windet. Folgt man dem Verlauf des Flusses, so gräbt er sich immer tiefer in eine Schlucht ein - den Canyon de Colca. Von den Aussichtspunkten hat man atemberaubende Ausblicke, angesichts der beängstigenden Tiefe ist der Anblick weniger schön als imposant-majestätisch und unwirklich. Auf einem Stein sitzend und in die Ferne starrend sehe ich hin und wieder einen Condor, wie er über mir vorbeizieht. Er streift ruhig durch das Tal, sein Anblick ist wie ein Geschenk.

Condor

Die Dorfbewohner scheinen so zu leben, wie man es hier schon seit langer Zeit gemacht hat. Die Frauen tragen bunte Hüte und farbig bestickte Westen und Röcke. Auf dem Rücken tragen sie Bündel mit der Ernte vom Feld oder ihr Reisegepäck. Jedes Dorf hat sein vorherrschendes Hutdesign; eine sich verirrende Bäuerin könnte einfach und wortlos wieder nach Hause gebracht werden. Da die Bewohner nichts anderes als Arbeit und Bewältigung des Alltages zu kennen scheinen, fühle ich mich als Tourist bisweilen fehl am Platz. Ein schillerndes Beispiel für einen Culture Clash ereignet sich, als zwei junge Touristinnen in kurzen Höschen ihre Dehnübungen für die bevorstehende Trekking-Tour auf dem Dorfplatz machen. Die Einheimischen, die auf dem Weg zu ihren Feldern sind, lehnen sich aus dem Fenster des Busses, um das seltsame Treiben zum Teil befremdend, zum Teil frivol-belustigt zu kommentieren.


Einige Orte des Tals liegen so abgelegen, dass sie nur zu Fuß oder mit dem Maulesel zu erreichen sind. Unvorstellbar, wie es möglich ist, dort Häuser zu bauen. Die Wege sind steil und zum Teil voller Geröll.

manche Orte sind nur zu Fuss und mit Maulesel zu erreichen

Bei Sonnenaufgang mache ich mich auf den Weg hinunter in den Canyon. Einer der vielen Dorfhunde schließt sich mir an, will mein Compañero sein, begleitet mich treu und wartet auf mich, wenn ich eine Pause mache. Beim Abstieg in die Schlucht kommen mir japsende Amerikaner und Franzosen entgegen sowie Einheimische mit Mauleseln, mal mit reitenden Touristen, mal mit Waren bepackt. Immer mehr Sonne dringt in die Schlucht, fröhlich jagt mein Compañero Vögeln nach oder blickt in den Abgrund. Nach 2 1/2 Stunden Abstieg komme ich in der "Oase" Sangalle an, wo ich mich am wilden Fluss ausruhe. Der Hund bleibt an meiner Seite und sucht den Schatten. Mühsam ist die 3stündige Aufstieg in der prallen Sonne, auch mein Companñero kommt außer Puste. Wir teilen uns das verbleibende Trinkwasser, und doch scheint mir der Hund auf dem Rückweg magerer geworden zu sein. Die Vögel interessieren ihn schon lange nicht mehr. Ermüdet, aber glücklich oben angekommen, bekommt er einen Knochen. Er folgt mir weiter treu bis zum Hostel, wo ich ihm leider den Eintritt verwehren muss. Am nächsten Morgen ist er verschwunden, wahrscheinlich mit dem nächstbesten Touristen auf dem Weg ins Tal...

Mein Compañero










Mittwoch, 1. April 2015

Mit Diego durch Arequipa (Peru)




Ach, wie ist es wohltuend, aus dem recht geordneten Chile in Perú anzukommen, wo einen das pralle Leben empfängt. Schon die Grenzüberquerung ist ein Erlebnis. Im Transitterminal von Arica bilden sich Schlangen für Busse und Colectivos nach Bolivien und Perú. Wir entscheiden uns für ein Colectivo, also eine Art Linienbus im PKW: Drei Passagiere hinten, zwei neben dem Fahrer. Die Damen auf dem Rücksitz sind ausgesprochen hilfsbereit bei den Grenzformalitäten ("Wir bleiben immer zusammen") und bei der Weiterreise ("Im Taxi zahlt ihr 7 Sol, wenn der Fahrer 8 verlangt, dann weigert ihr euch"). Bei der Einfahrt in die peruanische Stadt Tacna bleibt dann unser Colectivo mitten auf dem Kreisverkehr liegen, Gangschaltung kaputt, die vorbeifahrenden Autos hupen, der Arme Fahrer fummelt an der Kühlerhaube herum und beschmutzt sich das makellose weiße Hemd. Wir erreichen den Terminal mit einer Weiterfahrt ausschließlich im dritten Gang.
In Arequipa, unserem eigentlichen Ziel, geht es in jeder Hinsicht lebhaft zu: Kreuzungen ohne Verkehrsregelung machen die Straßenüberquerung zum Erlebnis. Die Millionenenstadt hat ausschließlich Mikrobusse und Taxis (fast jedes Auto ist ein Taxi) als öffentliche Verkehrsmittel, und es funktioniert trotzdem. Gehupt wird, um Kunden zu werben oder weil es einfach nur langsam vorangeht. Der Zentralmarkt bietet alles: Eine Reihe von 20 Saftständen mit bekannten und unbekannten Früchten, Säfte mit und ohne Milch, Metzgereien, die nur Innereien anbieten, Kartoffelstände mit unzähligen Sorten.




Saftstaende
 

Hundefutter

Nicht nur heißt uns diese einmalige Atmosphäre in der weißen Stadt - vulkanischer Sillar-Stein, der Schutz vor Erdbeben bietet - willkommen - nein, auch Diego empfängt uns mit offenen Armen: Er hat Urlaub und es ist ihm ein großes Vergnügen, uns seine Stadt zu zeigen.
Da ist zunächst das koloniale Erbe der Stadt. Kaum hatten die Spanier Arequipa gegründet, schon errichteten sie ein riesiges Kloster, eine Stadt in der Stadt, für die höheren Töchter. Diese sollen sich dort nicht gelangweilt haben, dennoch lässt der gestrenge Blick der damaligen Priorin Schwester Ana vermuten, dass sie versuchte, in der labyrinthartigen Anlage aus Zellen, Küchen, Öfen und Gängen dem bunten Treiben Einhalt zu gebieten.
die labyrinthartige Anlage des Klosters
die gestrenge Schwester Ana
Waschstrasse im Kloster


Mittags geht es in eines der vielen kleinen Restaurants, das Mittagsmenü ist sehr beliebt, es kostet zwischen 2 und 4 Euro. Als Snack vorweg gibt es gerösteten Mais. Es folgt eine Suppe, immer wieder gleich, mit geringer Variation: mit Reis, einer Kartoffel und Fleischeinlage - das kann auch schonmal ein Hühnerfuß sein. Danach kann man zwischen einem der drei Hauptgerichte auswählen. In Perú wird gewürzt, mehr als in den anderen lateinamerikanischen Ländern. Zu trinken gibt es chicha morada, einen Saft aus lila Mais.
Beeindruckend ist die Ausstellung im Museo de Santuarios Andinos. Sie dreht sich um die Kultur der Inkas, die junge Mädchen, ca. 13 Jahre alt, den Göttern opferten, um sich vor Naturkatastrophen zu schützen. Man fand in den Bergen auf 6000m Höhe rund um Arequipa mehrere dieser geopferten Mädchen, die wegen der Kälte wie Mumien über die Jahrhunderte konserviert wurden. Schon als Babys wählte der Inkakönig ein Opfer aus, es wurde jahrelang auf seine Rolle vorbereitet und galt als auserwählte Persönlichkeit. Der Opfergang von der Hauptstadt Cusco durch die Anden konnte sich über tausende Kilometer erstrecken, sodass das Mädchen mit einem Tross an Begleitern mit einfachen Sandalen bekleidet Monate unterwegs war. War die Kultur der Inka einfach grausam? Haben die Mädchen unendlich leiden muessen? Oder waren sie im Bewusstsein ihrer herausragenden Rolle stolz, für ihr Volk zu sterben?



am Ufer des Chili

Am nächsten Tag möchten wir eine Bustour buchen, um auch die außerhalb gelegenen Attraktionen Arequipas besuchen zu können. Aber Diego sagt uns: "Nein, viel besser, wir machen die Bustour ohne Bus. Ich zeige euch alle Orte und wir haben dann viel mehr Zeit." So wandern wir durch die Stadt von einem Aussichtpunkt zum nächsten, trinken zur Erfrischung Coca-Tee, haben Zeit zum Sehen, Hören, Riechen und Plaudern. Auf einmal kommt man sich vor wie auf dem Land, das Tal des Flusses Chili liegt unter uns, Maisfelder, angepflockte Kühe und Bäuerinnen mit ihren Bündeln auf dem Rücken. Es ist so zauberhaft grün, dass wir am nächsten Tag noch einmal mit Diego zum Chili fahren, um am Ufer zu wandern und die Beine im Wasser baumeln zu lassen. Nach diesen unvergesslichen Tagen in Arequipa ziehen wir weiter und sagen: Danke, Diego.



Mittwoch, 25. März 2015

Die Geister des Salpeter (Chile)



Die Sonne knallt senkrecht auf die staubigen Gassen. Durch die Löcher der rostigen Wellblechwände hoher Industriehallen bläst der Wüstenwind. Der Schornstein, mühsam abgestützt, scheint sich gerade noch halten zu können. Einige hundert Meter weiter die Kleinstadt, ehemals Heimat von 3000 Arbeitern, Ehefrauen, Kindern. Baracken als Reihenhaussiedlungen mit spärlicher Einrichtung. Rostige Töpfe, einfaches Kinderspielzeug aus Draht und eigen hergestellte Rohre erzählen vom harten und kargen Leben mitten in der trockensten Wüste der Welt. In einem anderen Bereich finden sich stattlichere Häuser: Für Direktoren, Ingenieure und den Chefarzt. Auch eine Schule, ein Schwimmbad mit Tribüne und 5-Meter-Sprungturm und ein Theater für 500 Besucher aus den 30er Jahren zeigen, wie das Leben mit der Zeit annehmbarer wurde.


Kinderspielzeug

Ich bin in Humberstone, einer Siedlung in der Atacama-Wüste, wo einst Salpeter gewonnen wurde. Seit 1960 ist Humberstone eine Geisterstadt, deren gespenstische Atmosphäre in widriger Natur man einfach erleben kann oder die einem ein wesentliches Stück chilenischer Geschichte erzählt.




Als der Nutzen des Salpeters als Dünger und Sprengstoff entdeckt wurde, teilten sich noch Peru, Bolivien und Chile die weltweit einzigen Salpetervorkommen in der Atacama-Wüste. Schon bald wurde klar, dass sich mit dem Salpeter unermessliches Geld verdienen ließe. Aus verschiedensten Gründen, die es einem schwer machen, nach Recht und Unrecht zu urteilen, kam es zum Krieg zwischen Chile auf der einen und Peru und Bolivien auf der anderen Seite. Bolivien wurde schnell besiegt und verlor nicht nur seine Salpetervorkommen, sondern auch seinen Zugang zum Meer, was die Ursache für bis heute andauernde Spannungen zwischen beiden Ländern ist. Zwischen Chile und Peru dauerten die Kriegshandlungen länger. Im Seekrieg versuchte die chilenische Flotte unter der Führung von Arturo Prat, den damals peruanischen Hafen von Iquique zu blockieren. Prat kommandierte die veraltete Holzkorvette Esmeralda, ihm gegenüber stand ein peruanisches Panzerschiff. Prats Strategie war es, das peruanische Schiff zu entern, doch nur wenige seiner Gefolgsleute folgten ihm tatsächlich. Er fand den Tod und die Esmeralda wurde versenkt. Dennoch wird diese Seeschlacht als entscheidende Wende im Salpeterkrieg gedeutet, aus dem Chile siegreich hervorging und nunmehr das weltweite Monopol auf Salpeter besaß. Prat wird als Nationalheld verehrt und der 21. Mai, der Tag, an dem die Esmeralda sank, ist bis heute ein nationaler Feiertag. Aus meiner Sicht eine zweifelhafte Art von Patriotismus und Heldenverehrung, ging es doch nicht um Freiheit oder Unabhängigkeit, sondern um rein wirtschaftliche Interessen. Und die Geisterstadt von Humberstone führt einem vor Augen, wie wenig der chilenische Arbeiter am Salpeter verdiente, und wie viel hingegen der englische oder deutsche Firmenchef, Ingenieur und Investor...

Nachbildung der Esmeralda anlaesslich der 200-Jahrfeier der Staatsgruendung
In den 20er Jahren setzte dann die erste Salpeterkrise ein. Ein künstlicher Dünger war erfunden worden und gefährdete den Absatz des chilenischen Salpeter. In einer großen Werbekampagne wurde in aller Welt der chilenische Salpeter beworben, um der Krise entgegenzuwirken. Die Werbeplakate, gezielt für bestimmte Nationen konzipiert, sind heute amüsant und lassen kaum ein Landesklischee aus.


Werbeplakate aus aller Welt lassen kein Landesklischee aus

In den 50er und 60er Jahren war dann endgültig Schluss mit der Gewinnung von Salpeter. Übrig geblieben sind einzig die rostenden Anlagen, die verwaisten Siedlungen, menschenleere Plazas im Wüstenwind in der sengenden Sonne.



Mittwoch, 18. März 2015

Lawrence von Atacama (Chile)


Ach wär ich doch Lawrence von Atacama! Wär ich doch zumindest eine bescheidene Schmalspurversion dieses Lawrence und könnte auf einem Vicuña (in Ermangelung eines Kamels) alleine durch die Wüste reiten. Ich könnte die Stille in den Canyons, auf den Dünen und in den weiten Ebenen, die einst von Wasser bedeckt waren, genießen. Ich könnte dem Gestein lauschen, wie es sich bei Hitze knackend ausdehnt und in der Dämmerung wieder zusammenzieht. Könnte von oben in die zerklüfteten Schluchten schauen und beobachten, wie die sinkende Sonne die Felsen in changierende Farben taucht.



Aber nein, ich bin Teilnehmer einer geführten Tour, die so präzise durchgetaktet ist, dass es so gar nicht zur Unendlichkeit dieser Wüste passen mag. Jetzt weiß ich, wie sich ein Japaner auf Europareise fühlen muss. Raus aus dem Bus, fünf Minuten Fotostop, rein in den Bus, ab durch den Canyon, aber nur nicht zu weit...
Dennoch: Die trockenste Wüste der Welt tut mir den Gefallen, Regenwolken zuzulassen, sodass sich über dem Valle de la Muerte (Tal des Todes) ein Regenbogen erstreckt, wie man ihn mit Photoshop nicht perfekter hineinmontieren könnte. Ein Hauch von Glück, blendet man die hinter mir parkenden Tourbusse und die vor mir fotografierenden Reisenden aus.




Viel besser gefällt mir der Ausflug zu den Geysiren im Andenhochland auf 4300m Höhe. Das Reisetempo ist langsamer und entspannter. So wandelt der kleine Lawrence (ohne Kamel und wegen der Höhe ganz gemächlich) zwischen den gurgelnden, sprudelnden und dampfenden Geysiren umher, im Hintergrund imposante Vulkane mit Schneekuppe. Am frühen Morgen herrscht Eiseskälte, aber sie kann dem heldenhaften Lawrencito nichts antun, zumal ein Thermalbecken zum Bade lockt.





Später säumen neugierig schauende, aber scheue Vicuñas seinen Weg, der sich in Serpentinen abwärts windet. Dort hinten ein beweglicher Punkt in der Ferne, dann immer näher kommend: Ein hyperaktives Nandu stakst durch die karge Steppe. In einsam gelegenen Bergdörfern heißen die Bewohner Lawrencito willkommen und bereiten ihm Lamafleisch zur Rast nach beschwerlicher Reise. Erschöpft, aber glücklich, doch wenigstens für einen Tag Lawrence von Atacama gewesen zu sein, geht es ins Wüstendorf San Pedro zurück.