Dienstag, 7. April 2015

Semana Santa total (Perú)


Semana Santa total in Perú: Auf der Busfahrt zwischen Areuquipa und Puno erhebt sich ein Passagier, schreitet nach vorne und wird zum selbsternannten Prediger: Die Semana Santa sei eine Woche zur Reflexion, zum Nachdenken über das eigene sündige Fehlverhalten, zur Würdigung des familiären Zusammenhalts usw. Seine Predigt dauert ungefähr eine halbe Stunde, zur Unterhaltung oder Belästigung der Fahrgäste - je nach Gemüt. Am Ende lässt er es sich nicht nehmen, Süßigkeiten zu verkaufen. Dass sich bald danach ein selbsternannter Quacksalber vom Sitz erhebt und eine ebenso lange Rede über Verdauung und Reinigung des Körpers hält, um anschließend dubiose Pillen zu verkaufen, gehört nicht zum Thema, sei aber am Rande vermerkt.


Im Dörfchen Cabanaconde zieht bei Anbruch der Dunkelheit eine Osterprozession durch die Gassen. Vorweg ein kleiner Junge, der mir mit Herzenslust Weihwasser ins Gesicht spritzt (vielleicht ahnt er, dass ich Protestant bin). Es folgen die Frauen mit Kerzen in der Hand und meist ernstem Gesichtsausdruck, die Mutter des kleinen Jungen allerdings kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Dann der Priester, der die ganze Zeit rückwärts geht, dabei aber nicht einmal stolpert, und die Gemeinde zum lauten Singen anhält. Laut und schief singend dann die Männer, die, nicht nur weil sie der direkten Beobachtung des Priesters unterstehen und deshalb besonders laut singen müssen, sondern auch weil sie den schweren Aufbau der Christusfigur zu tragen haben, mir etwas leidtun. Den Zug beschließen die Dorfjugendlichen mit ihren Handys in der Hand, die sich unterhalten und sich nur halbherzig mit der Veranstaltung identifizieren.



Größer angelegt ist die Karfreitagsprozession vor der Kathedrale von Puno. Schon vor der Prozession gleicht der Vorplatz der Kathedrale einem Straßenmarkt, auf dem man Prozessionsaccessoires wie Kerzen oder Blumen, aber auch Zigaretten und die obligatorischen Lamapüppchen und Freundschaftsbändchen erwerben kann. Vor der Kathedrale positionieren sich die Gruppen der Staatsgewalt: Bomberos (Feuerwehrleute), darunter auch Mini-Bomberos zwischen 5 und 12 Jahren, der Größe nach geordnet Spalier stehend, Polizisten verschiedenster Sorten und Soldaten. Die Tore der Kathedrale öffnen sich und geben den Blick frei auf den stimmungsvoll beleuchteten Innenraum. Die Prozession beginnt. Diesmal rekrutiert sie sich tatsächlich aus den Repräsentanten des Staates: Es beginnen die Bomberos, gefolgt von den Polizisten. Hinter dem Leib Christi schließlich marschieren die Soldaten mit Militärkapelle. Katholizismus als Staatsreligion, so kommt es mir vor. Mobile Generatoren beleuchten die Heiligenfiguren, und so kann der Zug - von den Polizisten, die nicht mitmarschieren (müssen oder dürfen?), eskortiert - seinen Weg durch die Stadt nehmen.
religiöse Kunst - muss man nicht moegen
Weder Karfreitag noch Ostersonntag ist die Stadt übrigens ausgestorben: Auf den Märkten blüht reger Handel, Familien besuchen die Restaurants. Osterhasen, Schokoeier und das Osterlamm sucht man allerdings vergebens.






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