Die Sonne knallt senkrecht auf die staubigen Gassen. Durch die Löcher der rostigen Wellblechwände hoher Industriehallen bläst der Wüstenwind. Der Schornstein, mühsam abgestützt, scheint sich gerade noch halten zu können. Einige hundert Meter weiter die Kleinstadt, ehemals Heimat von 3000 Arbeitern, Ehefrauen, Kindern. Baracken als Reihenhaussiedlungen mit spärlicher Einrichtung. Rostige Töpfe, einfaches Kinderspielzeug aus Draht und eigen hergestellte Rohre erzählen vom harten und kargen Leben mitten in der trockensten Wüste der Welt. In einem anderen Bereich finden sich stattlichere Häuser: Für Direktoren, Ingenieure und den Chefarzt. Auch eine Schule, ein Schwimmbad mit Tribüne und 5-Meter-Sprungturm und ein Theater für 500 Besucher aus den 30er Jahren zeigen, wie das Leben mit der Zeit annehmbarer wurde.
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| Kinderspielzeug |
Ich bin in Humberstone, einer Siedlung in der Atacama-Wüste, wo einst Salpeter gewonnen wurde. Seit 1960 ist Humberstone eine Geisterstadt, deren gespenstische Atmosphäre in widriger Natur man einfach erleben kann oder die einem ein wesentliches Stück chilenischer Geschichte erzählt.


Als der Nutzen des Salpeters als Dünger und Sprengstoff entdeckt wurde, teilten sich noch Peru, Bolivien und Chile die weltweit einzigen Salpetervorkommen in der Atacama-Wüste. Schon bald wurde klar, dass sich mit dem Salpeter unermessliches Geld verdienen ließe. Aus verschiedensten Gründen, die es einem schwer machen, nach Recht und Unrecht zu urteilen, kam es zum Krieg zwischen Chile auf der einen und Peru und Bolivien auf der anderen Seite. Bolivien wurde schnell besiegt und verlor nicht nur seine Salpetervorkommen, sondern auch seinen Zugang zum Meer, was die Ursache für bis heute andauernde Spannungen zwischen beiden Ländern ist. Zwischen Chile und Peru dauerten die Kriegshandlungen länger. Im Seekrieg versuchte die chilenische Flotte unter der Führung von Arturo Prat, den damals peruanischen Hafen von Iquique zu blockieren. Prat kommandierte die veraltete Holzkorvette Esmeralda, ihm gegenüber stand ein peruanisches Panzerschiff. Prats Strategie war es, das peruanische Schiff zu entern, doch nur wenige seiner Gefolgsleute folgten ihm tatsächlich. Er fand den Tod und die Esmeralda wurde versenkt. Dennoch wird diese Seeschlacht als entscheidende Wende im Salpeterkrieg gedeutet, aus dem Chile siegreich hervorging und nunmehr das weltweite Monopol auf Salpeter besaß. Prat wird als Nationalheld verehrt und der 21. Mai, der Tag, an dem die Esmeralda sank, ist bis heute ein nationaler Feiertag. Aus meiner Sicht eine zweifelhafte Art von Patriotismus und Heldenverehrung, ging es doch nicht um Freiheit oder Unabhängigkeit, sondern um rein wirtschaftliche Interessen. Und die Geisterstadt von Humberstone führt einem vor Augen, wie wenig der chilenische Arbeiter am Salpeter verdiente, und wie viel hingegen der englische oder deutsche Firmenchef, Ingenieur und Investor...
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| Nachbildung der Esmeralda anlaesslich der 200-Jahrfeier der Staatsgruendung |
In den 20er Jahren setzte dann die erste Salpeterkrise ein. Ein künstlicher Dünger war erfunden worden und gefährdete den Absatz des chilenischen Salpeter. In einer großen Werbekampagne wurde in aller Welt der chilenische Salpeter beworben, um der Krise entgegenzuwirken. Die Werbeplakate, gezielt für bestimmte Nationen konzipiert, sind heute amüsant und lassen kaum ein Landesklischee aus.
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| Werbeplakate aus aller Welt lassen kein Landesklischee aus |
In den 50er und 60er Jahren war dann endgültig Schluss mit der Gewinnung von Salpeter. Übrig geblieben sind einzig die rostenden Anlagen, die verwaisten Siedlungen, menschenleere Plazas im Wüstenwind in der sengenden Sonne.
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