Mittwoch, 1. April 2015

Mit Diego durch Arequipa (Peru)




Ach, wie ist es wohltuend, aus dem recht geordneten Chile in Perú anzukommen, wo einen das pralle Leben empfängt. Schon die Grenzüberquerung ist ein Erlebnis. Im Transitterminal von Arica bilden sich Schlangen für Busse und Colectivos nach Bolivien und Perú. Wir entscheiden uns für ein Colectivo, also eine Art Linienbus im PKW: Drei Passagiere hinten, zwei neben dem Fahrer. Die Damen auf dem Rücksitz sind ausgesprochen hilfsbereit bei den Grenzformalitäten ("Wir bleiben immer zusammen") und bei der Weiterreise ("Im Taxi zahlt ihr 7 Sol, wenn der Fahrer 8 verlangt, dann weigert ihr euch"). Bei der Einfahrt in die peruanische Stadt Tacna bleibt dann unser Colectivo mitten auf dem Kreisverkehr liegen, Gangschaltung kaputt, die vorbeifahrenden Autos hupen, der Arme Fahrer fummelt an der Kühlerhaube herum und beschmutzt sich das makellose weiße Hemd. Wir erreichen den Terminal mit einer Weiterfahrt ausschließlich im dritten Gang.
In Arequipa, unserem eigentlichen Ziel, geht es in jeder Hinsicht lebhaft zu: Kreuzungen ohne Verkehrsregelung machen die Straßenüberquerung zum Erlebnis. Die Millionenenstadt hat ausschließlich Mikrobusse und Taxis (fast jedes Auto ist ein Taxi) als öffentliche Verkehrsmittel, und es funktioniert trotzdem. Gehupt wird, um Kunden zu werben oder weil es einfach nur langsam vorangeht. Der Zentralmarkt bietet alles: Eine Reihe von 20 Saftständen mit bekannten und unbekannten Früchten, Säfte mit und ohne Milch, Metzgereien, die nur Innereien anbieten, Kartoffelstände mit unzähligen Sorten.




Saftstaende
 

Hundefutter

Nicht nur heißt uns diese einmalige Atmosphäre in der weißen Stadt - vulkanischer Sillar-Stein, der Schutz vor Erdbeben bietet - willkommen - nein, auch Diego empfängt uns mit offenen Armen: Er hat Urlaub und es ist ihm ein großes Vergnügen, uns seine Stadt zu zeigen.
Da ist zunächst das koloniale Erbe der Stadt. Kaum hatten die Spanier Arequipa gegründet, schon errichteten sie ein riesiges Kloster, eine Stadt in der Stadt, für die höheren Töchter. Diese sollen sich dort nicht gelangweilt haben, dennoch lässt der gestrenge Blick der damaligen Priorin Schwester Ana vermuten, dass sie versuchte, in der labyrinthartigen Anlage aus Zellen, Küchen, Öfen und Gängen dem bunten Treiben Einhalt zu gebieten.
die labyrinthartige Anlage des Klosters
die gestrenge Schwester Ana
Waschstrasse im Kloster


Mittags geht es in eines der vielen kleinen Restaurants, das Mittagsmenü ist sehr beliebt, es kostet zwischen 2 und 4 Euro. Als Snack vorweg gibt es gerösteten Mais. Es folgt eine Suppe, immer wieder gleich, mit geringer Variation: mit Reis, einer Kartoffel und Fleischeinlage - das kann auch schonmal ein Hühnerfuß sein. Danach kann man zwischen einem der drei Hauptgerichte auswählen. In Perú wird gewürzt, mehr als in den anderen lateinamerikanischen Ländern. Zu trinken gibt es chicha morada, einen Saft aus lila Mais.
Beeindruckend ist die Ausstellung im Museo de Santuarios Andinos. Sie dreht sich um die Kultur der Inkas, die junge Mädchen, ca. 13 Jahre alt, den Göttern opferten, um sich vor Naturkatastrophen zu schützen. Man fand in den Bergen auf 6000m Höhe rund um Arequipa mehrere dieser geopferten Mädchen, die wegen der Kälte wie Mumien über die Jahrhunderte konserviert wurden. Schon als Babys wählte der Inkakönig ein Opfer aus, es wurde jahrelang auf seine Rolle vorbereitet und galt als auserwählte Persönlichkeit. Der Opfergang von der Hauptstadt Cusco durch die Anden konnte sich über tausende Kilometer erstrecken, sodass das Mädchen mit einem Tross an Begleitern mit einfachen Sandalen bekleidet Monate unterwegs war. War die Kultur der Inka einfach grausam? Haben die Mädchen unendlich leiden muessen? Oder waren sie im Bewusstsein ihrer herausragenden Rolle stolz, für ihr Volk zu sterben?



am Ufer des Chili

Am nächsten Tag möchten wir eine Bustour buchen, um auch die außerhalb gelegenen Attraktionen Arequipas besuchen zu können. Aber Diego sagt uns: "Nein, viel besser, wir machen die Bustour ohne Bus. Ich zeige euch alle Orte und wir haben dann viel mehr Zeit." So wandern wir durch die Stadt von einem Aussichtpunkt zum nächsten, trinken zur Erfrischung Coca-Tee, haben Zeit zum Sehen, Hören, Riechen und Plaudern. Auf einmal kommt man sich vor wie auf dem Land, das Tal des Flusses Chili liegt unter uns, Maisfelder, angepflockte Kühe und Bäuerinnen mit ihren Bündeln auf dem Rücken. Es ist so zauberhaft grün, dass wir am nächsten Tag noch einmal mit Diego zum Chili fahren, um am Ufer zu wandern und die Beine im Wasser baumeln zu lassen. Nach diesen unvergesslichen Tagen in Arequipa ziehen wir weiter und sagen: Danke, Diego.



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