Donnerstag, 23. Oktober 2014

Über Transportmittel

1. Regeln
Schild in einem Überlandbus in Costa Rica:
"Bitte blockieren Sie den Gang nicht mit Objekten, z.B. mit Bananenstauden."


Schild im Transmilenio-Bus in Bogotá:
"Reisen Sie ohne Waffen."



Ansage in der Metro in Medellín:
"Respektieren Sie die Frauen."


2. Originelle Transportmittel
Medellín verfügt nicht nur über eine Metro, sondern auch über drei Seilbahnlinien. Sie dienen nicht etwa der Belustigung, sondern dazu, die unterprivilegierten, ärmeren Viertel auf den Hängen an das Zentrum anzubinden. Gondel reiht sich an Gondel, keine Wartezeiten, ich schwebe hoch über der Stadt, unter mir ein Meer aus Wellblechdächern. Immerhin sind die Häuser gemauert und es gibt asphaltierte Straßen.
Eine andere Idee, um den Bewohnern das mühsame Besteigen der Hügel bis zu ihren Häusern zu ersparen, war die Installation von Rolltreppen in der Stadt. Es ist unglaublich, welchen Aufschwung die Medellín in den letzten 20 Jahren erreicht hat, die innovativen Verkehrskonzepte sind Teil davon.




3. Taxifahren
In Bogotá verwende ich die Taxi-App "Tappsi". Du gibst deinen Standort ein, und schon bald erscheinen der Name des Taxifahrers, dessen Bewertung durch andere Kunden, das Nummernschild und die Wartezeit auf dem Display. Das garantiert guten Service und Sicherheit. Ein Tarifrechner zeigt dir an, wieviele Einheiten auf dem Taxameter welchem Fahrpreis entsprechen. Beschwerden können online gemeldet werden.
Ruft man einfach so ein Taxi von der Straße, so kann es vorkommen, dass man, wenn man die Fahrt mit 20000 Pesos bezahlt, der Taxifahrer das Geld entgegennimmt, anschließend eine 2000 Peso-Banknote hochhält und behauptet, man habe ihm nur 2000 Pesos gegeben.
Taxifahrer in Kolumbien hören gern laute Musik und bei Nacht werden rote Ampeln eher als Vorschlag, die Kreuzung mit Vorsicht zu überqueren denn als Verkehrsregel betrachtet.


4. Busfahren in Kolumbien
Die Landschaft ist zerklüftet, die Straßen winden sich endlos die Berge hoch, auf ihnen schleppen sich Schlangen von Lkws mühsam voran. Hinter ihnen der Reisebus mit wenigen Möglichkeiten des Überholens, dafür mit umso mehr Möglichkeiten, die atemberaubenden Ausblicke zu genießen. Die Fahrt von Medellín nach Bogotá dauert 12 1/2 Stunden bei einer Entfernung von 400km.


Die Fahrzeit verkürzen einem die zahlreichen Straßenverkäufer, die den Bus besteigen und das immer gleiche Ritual vollziehen: Diesmal ist es ein Schokoladenverkäufer. Er geht den Gang hinunter und legt jedem Fahrgast eine Tafel Schokolade in den Schoß. Die Gäste studieren die Schokolade intensiv oder halten sie lediglich verlegen in den Händen. Inzwischen hat sich der Verkäufer wieder vorne positioniert und setzt zur großen Rede an, wie es überhaupt den kolumbianischen Verkäufern liegen zu scheint: Es handele sich um brasilianische Schokolade, es gebe drei Sorten, dunkle Schokolade, weiße Schokolade, Mandel, man könne sie auf der Fahrt genießen oder seiner Verlobten als Geschenk mitbringen, eine Tafel für 5000 Pesos, drei für 10000 Pesos, vielen Dank für die Aufmerksamkeit, er habe nicht stören wollen, aber er müsse eben seine Familie ernähren. Danach sammelt er die Tafeln wieder ein, während einige Fahrgäste zum Kauf verführt werden konnten.
Auf solch einer Fahrt habe ich die Möglichkeit, Schokolade, Nüsschen, gesalzene Mango, Limonade, Zuckerwatte, Empanadas, Feuchtigkeitscreme und eine Sonnenbrille zu erwerben.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Das Mädchen aus Medellín (Kolumbien)

Hallo, ich bin Suzie, eine waschechte Paisa; das bedeutet, dass ich ein Mädchen aus Medellin bin. Wir Paisas sind schon was Besonderes: In ganz Kolumbien werden wir von den Männern bewundert. Wir sind nicht so gertenschlank wie die arroganten Bogotanas, nein, wir mögen es etwas rundlicher um die Hüfte, und unsere Oberweite zeigen wir den Chicos gern. Unsere Haut ist auch etwas heller, ich bin sogar blond, ist naturblond, ich schwöre! Die Bogotanos sagen, wir alle würden uns Schönheitsoperationen unterziehen, aber die sind ja bloß neidisch. Ich war noch nie beim Chirurg, und wenn doch, ich würd's ja nie zugeben.


Tagsüber geh ich meistens auf die Plaza Botero, da ist eigentlich immer was los. Schuhputzer, Saftverkäufer, Souvenirstände, ich hab hier ein paar Freunde, auch wenn die Konkurrenz hart ist. Ich verkaufe Kaugummis, eine Packung für 200 Pesos, drei für 500. Bei dem Preis kann man doch nicht meckern, oder? Viel kommt am Ende eines Tages nicht rum, aber seit mein Mann mich in die Wüste geschickt hat, hab ich keine andere Wahl. Schliesslich hängt mir mein Sohn auch noch auf der Tasche. Mit 16 könnte der jetzt eigentlich mal dazuverdienen, der faule Schlunzi...


 Mein grosser Traum ist es, dass mich doch mal einer der Gringos, die über den großen Platz schlendern, von der Stelle wegheiratet. Gestern war da wieder einer. Als ich ihm Kaugummis andrehen wollte, hat er mir zuerst seine eigene Packung Chiclettes gezeigt. Der Frechdachs, der dachte wohl, ich krieg ihn nicht, da hab ich ihm zunächst einen Klaps auf den Arm verpasst. Als er sich dann aber auf die Bank setzte, hab ich alle Register gezogen. Hab mich vor ihm aufgebaut, mit meinen blonden Haaren gespielt, er musste mir immer in den Ausschnitt gucken, so nah stand ich vor ihm. Dann meine übliche Tour: wie gut er aussieht, wo er denn herkommt - oh, aus Deutschland, da läuft die Wirtschaft doch gut. Und dann mein Sohn, den ich ernähren muss. Ob er überhaupt verheiratet waer, wollte ich wissen. Er hätte ne Frau in Deutschland, hat er gesagt, geglaubt hab ich ihm das nicht. Naja, schließlich hat er mir dann doch noch ein paar Kaugummis abgekauft. Warum er mit mir nichts anfangen konnte, keine Ahnung! Ne schlechte Partie sind wir Mädels aus Medellín jedenfalls nicht.

Montag, 13. Oktober 2014

Die kleinen Soldaten (Kolumbien)

Sie stehen auf der Ecke Carrera 4 # Calle 12, 24 Stunden lang. Die Calle 12 führt Richtung Parlament und Präsidentenpalast, die Soldaten beschützen die Demokratie, und wenn es sein muss, auch mich in den halbbeleuchteten Straßen bei Nacht.
 

Sie sind vielleicht 18, tragen Zahnspangen und haben Bartflaum, mal stehen sie gelangweilt herum, mal chatten sie über Whatsapp, mal unterhalten sie sich und ganz selten fragt ein Tourist sie nach dem Weg. Sie tragen schwere Maschinengewehre über der Schulter und angesichts ihrer unbeschwerten Jugend weiß man nicht, ob man sich mit ihnen und ihren schweren Waffen oder ohne sie sicherer fühlen soll.


 Junge Soldaten sind in Kolumbien immer präsent. Der Militärdienst beträgt ein bis zwei Jahre, hinzu kommen Sozialstunden, die die jungen Leute z.B. in der Jugend- oder Altenaebeit absolvieren müssen. Trotz der derzeitigen Friedenszeit macht sich die Vergangenheit bemerkbar, in der das Land im Krieg mit sich selbst war. Passkontrollen vor der Busstation, Straßensperren, Löschen von Bränden und unglaublich viel Zeit des Herumstehens und Nichtstuns. Dennoch bleibt bei mir das Gefühl des Willkommenseins, ein freundlicher Gruß oder einfach nur ein erhobener Daumen, der mir lächelnd entgegenwinkt.

Samstag, 4. Oktober 2014

Luis Alberto Acuña (Kolumbien)

Der Maler, Bildhauer und Kunstsammler Luis Alberto Acuña wurde 1904 in Suaíta Santander geboren. Reisen fuehrten ihn nach Paris und Deutschland. Er schloss sich der kuenstlerischen Bewegung Bachué an, die sich als Reaktion auf den ersten Weltkrieg und die mexikanische Revolution von der Kunst der indigenen Kulturen beeinflussen liess. So mischt sich Zivilisationskritik mit der Faszination fuer die Mythen der indigenen Kulturen.
Der Philosoph als Verkoerperung des Fortschritts?

Interessant ist die Gegenueberstellung zweier Wandgemaelde: Das erste zeigt die Gruendung des Ortes Villa de Leyva durch die siegreichen Spanier.Ob dieses Werk von Acuña selbst stammt, weiss ich nicht.

La fundación de Villa de Leyva

Ein zweites, uebergrosses Wandgemaelde, das einen Innenhof ziert, zeigt die Entstehung der Welt gemaess dem Schoepfungsmythos der Chibcha: Der Schoepfergott Chiminigagua laesst schwarze Voegel aufsteigen, deren Schnaebel den Himmel zum Leuchten bringen. Links daneben der See von Iguaque, in dem Bachué, so eine Art Urmutter, steht.




Observatorio Solar Muisca (Kolumbien)

Unweit von Villa de Leyva entfernt befindet sich eine jahrtausendealte Kultstätte der Muisca. Der erste Abschnitt erscheint dem europäischen Betrachter nicht ungewöhnlich: Zwei Reihen von Steinpfählen in Ost-West-Ausrichtung dienten offenbar der Bestimmung der Tag- und Nachtgleiche, ein lateinamerikanisches Stonehenge.



Erstaunlicher ist das sich anschließende Feld, auf dem sich riesige Steinpenise mit bis zu 4,50 m Größe tummeln. Die phallische Einsammlung wird heute als Ausdruck eines Fruchtbarkeitskultes gedeutet. Die Formen und Größen sind so unterschiedlich, als ob sich jeder Häuptling selbst in Stein habe verewigen wollen. Was die Frauen über diese Manifestation geballter Männlichkeit gedacht haben, wissen wir nicht. Abscheu? Faszination? Oder einfach nur Empörung über den männlichen Größenwahn?


Freitag, 3. Oktober 2014

Villa de Leyva (Kolumbien)

Die gigantischen Berge umschließen den kleinen Ort. Weißgetünchte Häuser auf der Plaza Mayor erzählen von den Tagen der spanischen Eroberer. Der mit Kopfsteinpflaster belegte Platz ist gigantisch, man fühlt sich ein wenig verloren. 



Die Freundlichkeit der Menschen hält sich (anders als sonst in Kolumbien) in Grenzen. Am Abend entflammt der Hügel, vom Balkon kann ich es deutlich erkennen. Rauchschwaden ziehen durch die Stadt. Aktiv werden Feuerwehr und Militär erst am zweiten Tag. Der Hubschrauber verbreitet Lärm. Seine Löscharbeiten sind von weithin sichtbar. 




Nach getaner Arbeit versammeln sich die jungen Soldaten auf dem großen Platz. Dann kehrt wieder Stille ein. Die Berge, die Weite der Plaza Mayor, die Melancholie der Menschen.