Sonntag, 28. September 2014

Ein Tag bei den Muisca (Kolumbien)

Wir folgen einer Einladung von Marta, auf einen Sonntag nach Cajica zu Besuch zu kommen. Es ist nur eine gute halbe Stunde im überfüllten Überlandbus von Bogotá entfernt. Martas Mutter ist eine wundervolle, würdige Abuelita um die 70, die sich beim Autofahren nur anschnallt, wenn eine Polizeikontrolle droht, die beim Fahren telefoniert und kräftig hupt, wenn ihr der Verkehr zu langsam vorangeht. Sie lässt es sich nicht nehmen, uns in ein traditionelles Restaurant einzuladen. In die Mitte des Tisches wird ein großer Teller gestellt. Es handelt sich um eine "picada", eine Schlachtplatte mit der kolumbianischen Version der Oldenburger Pinkel, Kottelets, Bauchfleisch, Kartoffeln und Kochbananen. Mit der Gabel pickt man sich Fleisch auf seinen kleinen Styroporteller.





Am Nachmittag möchten Marta und ihre Mutter uns einen Einblick in die indigene Kultur der Region ermöglichen: Wir lernen José kennen. José und seine Familie gehören den Muisca an, die seit ca. 800 n.Chr. die Hochebene von Bogotá bewohnen. José setzt sich sehr dafür ein, die Traditionen seiner Kultur aufrechtzuerhalten und das Jahrhunderte alte Wissen weiterzugeben. Er baut im Ort ein Kultur- und Begegnungszentrum, doch ohne öffentliche Förderung geht es langsam voran. Die grünen Hänge oberhalb des Ortes Chia gehören seit jeher den Muisca. Da die Bogotanos, die aus der Großstadt entfliehen wollen, genau diese Hänge als mögliches Bauland mit schönem Fernblick entdeckt haben, ist das Territorium in Gefahr. Das Gesetz besagt zwar, dass die traditionellen Siedlungsgebiete Bestandsschutz haben, doch scheint wie so oft der Interpretationsspielraum sehr weit zu sein, die Stadtverwaltung tut wenig gegen die Bebauungspläne.
Wir betreten Josés schönes Grundstück am Hang. Oberhalb seines Wohnhauses steht eine Hütte mit Strohdach für die spirituelle Praxis. Man legt sich hinein, für Stunden oder Tage, um sich mit der Natur und dem Kosmos in Verbindung zu setzen. José erzählt viel von der Weltsicht der Muisca, präsentiert uns selbstgefertigte Instrumente, Kleidung und Keramik. Sein Anliegen, das Wissen seines Volkes zu verbreiten, erscheint uns so wichtig: Die Lebensphilosophie setzt auf Einklang zwischen Mensch und Kosmos, auf Bewahrung des Bestehenden, der Natur, und auf Fortsetzung der Traditionen, anstatt auf Fortschritt und ständige Weiterentwicklung, wie wir es in der aufklärerischen Tradition tun. Warum sollen wir uns nicht Anregungen von den. Muisca holen, um verantwortungsvoll mit unserer Umwelt umzugehen?




Samstag, 20. September 2014

que a mi me gusta (Bogotá)



Was mir gefällt:
- Der große Tisch in unserem Hostal La Quinta. Alle Gäste und auch die Familie sitzen beisammen in einem bunten Nationenmix.

- Die Bühne am kleinen Platz Chorro de Quevedo. Jeder darf auftreten, eine Geschichte erzählen, Musik machen oder ein politisches Statement vortragen. Drumherum kleine Stände und ein Publikum wie auf dem Dorfplatz.








- Auf dem Cerro de Monserrate auf 3100m Höhe einen Blick über ganz Bogotá zu haben. Die Hochhäuser des Zentrums ganz steil unten und die Parks bieten einen Anhaltspunkt, ansonsten erstreckt sich ein endloser Häuserteppich im Tal.



- dass wir am dritten Abend in unserer Lieblingsbar bereits ungefragt unser Lieblingsbier "Club Colombia" hingestellt bekommen, als wir die Bar betreten.

- wenn am ersten Tag in der Sprachschule die verschütteten Spanischkenntnisse zurückkommen.

- von Jüngeren geduzt zu werden.

- Marie aus Frankreich, Svenja und Jörn aus Deutschland, Takako aus Japan und Joel aus der Schweiz: meine netten MitschülerInnen.

- Die unsterbliche Diva Helenita Vargas mit ihrem Hit "Usted es un mal hombre sin nombre senor". Eine Dragshow brachte den Bogotanos und uns  ihre größten Erfolge in Erinnerung.





Samstag, 13. September 2014

Straßenszenen (Bogotá)

1) Im Transmilenio
Während in Europa jahrelang der Boden für umstrittene U-Bahn-Projekte aufgerissen wird, hat sich Bogotá für ein einfaches und effektives Schnellbussystem entschieden. Auf eigens für den ÖPNV angelegten Schnellspuren fahren lange Busse mit zwei Gelenken und halten im Minutentakt an Bahnsteigen mit modernen Türschleusen. Ich steige ein. Unüberschaubar, warum gerade dieser Bus auf der Überholspur an vier Haltestellen vorbeifährt, während andere Busse überall haltmachen.
Im Bus steht ein ca. 20jähriger Junge und beschallt die Fahrgäste mit der Geschichte seines "abuelito" (Großväterchen). Strahlende Gesichter in den Augen der aufmerksam zuhörenden Fahrgäste, am Ende spenden alle reichlich Applaus.


2) La Candelaria
Quadratische Straßenzüge enger, charmanter Altstadtstraßen. Enge Gehwege, auf denen sich Studenten und Professoren aneinander vorbeischlängeln, vorbei an Straßenständen (Lollies, Chips, Zigaretten im Einzelverkauf). Die Kleinbusse (Colectivos) rasen vorbei, bis unter die Decke mit Studenten gefüllt, und eine heftige Bleiwolke entlädt sich in der Straße. Ich beneide die Frau neben mir um ihren Mundschutz. Dabei immer den Blick nach unten gerichtet, um den Löchern im Gehweg auszuweichen.


3) Plaza del Periodista
Ein alter Mann nähert sich, ungepflegt, schlechte Zähne, und fragt uns, woher wir seien. Er sagt, Deutschland sei der kühle Norden, aber das Herz schlage in Kolumbien. Mit strahlenden Augen rezitiert er sein Gedicht über die Ferne, die Heimat und den Sitz des Herzens. Auch unsere Augen strahlen jetzt, und nun scheint der ganze Platz vor Poesie erstrahlen. Die größte Freude von allen hat jedoch der alte Mann, als er unsere glänzenden Augen sieht und ein paar Pesos annimmt.

Donnerstag, 11. September 2014

Pamelas großer Tag














Hola! Me llamo Pamela. Soy una tortuga nina.
Hi Fans! Ich bin's, Pamela, die kleine Meeresschildkröte. Was ich erlebt habe, werdet ihr kaum glauben. Aber fangen wir von vorne an:
Ich weiß gar nicht, wer meine Mama und mein Papa sind, denn bei uns ist es so, dass sich die Eltern nicht groß um uns Kids kümmern. Eines Nachts kam meine Mum an den Strand von Montezuma gerobbt, legte einen Haufen Eier ab - in einem davon war ich - vergrub die Eier mehr schlecht als recht, und das war's. Und das geht so schon seit Jahrhunderten - immer derselbe Ort. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass man sich da ziemlich mies vorkommt, auf einmal Vollwaise, außer meinen Ei-bros keine Freunde weit und breit, die sich kümmern. Hinzu kommt, dass der Strand voll ist von streunenden Hunden, Seevögeln, aber auch Menschen, und viele davon haben Lust auf Spiegelei oder sogar Schildkrötensuppe 😠. Statistisch gesehen überlebt von 20 Geschwisterchen nur einer von uns - bei dem Gedanken wird mir echt übel.
Aber nicht alle Menschen sind so. Es gibt da ein paar Freaks, die nachts den Strand bewachen und die frisch gelegten Eier einsammeln. Carlos war meine Rettung: Der fröhliche Junge nahm mich und meine Folks vorsichtig in seine Hand und transportierte uns zu einer Art großem Sandkasten.
Dann buddelte er ein tiefes Loch und legte mich mit ca 10 Geschwistern zusammen hinein. Damit uns keiner dieser räudigen Pelikane etwas antun konnte, schnürte er das Sandloch mit einem Netz ein. So lagen wir dann einige Wochen faul rum, war ne echt coole Zeit sich von der Sonne wärmen zu lassen und zu Essen war auch noch genug im Ei. Irgendwann wurde mir der Eidotter aber echt zu eintönig und auch das Rumliegen wurde öde, ich bekam schon nen Koller vom Nichtstun. Da bin ich einfach mal raus, hab die Eierschale durchstoßen und prompt ein paar meiner Leute getroffen, die es auch nicht mehr ausgehalten haben. Nun gut, die anderen waren mir ziemlich egal, wir sind ja nicht so kuschelmäßig drauf.



Doch dann war da wieder Carlos. Keine Ahnung, woher der wusste, dass mir langweilig geworden war. Ich spürte, wie mich seine weiche Hand aufnahm und in eine Sandkiste legte. Meine Kumpels holte er auch dazu. Endlich ein bisschen Bewegung, das tat gut.
Schließlich harkte Carlos einen Strandabschnitt bis ans Meer hinunter und setzte uns in den Sand. Leute, ihr hättet dieses Meeresrauschen hören sollen, ein solcher Athmo-Sound, da musste ich einfach hin.







Also robbte ich mich vor, das war ganz schön mühsam. Und was hinzukam: Mehrere Menschen standen um mich herum und gafften mich an, wie ich mich abmühte. Konnten die sich nicht einfach ne Tierdoku angucken? Fix und fertig kam ich unten an, hörte die Wellen schon ganz laut. Die nächste Welle spülte mich weg, ich verlor die Orientierung und fand mich schließlich auf dem Rücken liegend im Sand wieder. Das muss peinlich ausgesehen haben, zumal ich mich nicht von allein umdrehen konnte. Wieder war es Carlos, der mir half, und die nächste Welle holte mich dann endlich ins Meer. Schwimmen ist echt easy, aber man muss verdammt aufpassen, da oben fliegt schon wieder der verdammte Pelikan...


Dienstag, 9. September 2014

Sonstiges (Costa Rica)

Die Pazifikküste bei Montezuma ist schön, aber ein wenig uninspirierend. Deshalb erlaube ich mir allgemeine Beobachtungen zu Land und Leuten:


Pura Vida:
"Pura vida" ist so etwas wie der Landesslogan von Costa Rica. Statt eines "Hola" begrüßen oder verabschieden sich die Männer mit einem dynamisch artikulierten "pura vida", begegnen sie sich auf der Straße oder im Supermarkt. Begleitend lässt man die Fäuste lässig aufeinanderprallen. Wenn ich das mache, fühle ich mich reichlich cool. In einschlägigen Online-Profilen stellen sich die Ticos gern einleitend vor mit: Soy un mae super pura vida relax.



Die Dutt-Frauen:
Costa Rica ist übersäht von deutschen Frauen Anfang 20, als beste Freundinnen zu zweit reisend oder auch alleine. Alle sind hell- oder dunkelblond - niemals schwarzhaarig - und haben lange Haare, die sie (wohl wegen der Hitze) zu einem Dutt zusammenbinden. Die Vielzahl macht es nahezu unmöglich sie voneinander zu unterscheiden. Seltener tritt hingegen der Anfang 20jährige Herr auf, der sich die Haare zum Samurai-Dutt  zusammenbindet (der wie der Name suggeriert, etwas höher am Kopf angebracht ist).



Schule:
Jedes noch so kleine Dorf hat mindestens eine Schule. Weitlaufige Gelände, durch hohe Zäune umgrenzt. Überall die die schöne Nationalflagge (ein roter, zwei weiße und zwei blaue Streifen) als Dekoration. Das Unterrichtsgeschehen ist oft transparent: Wegen der Hitze findet vieles draußen statt oder die Klassenräume sind nach außen geöffnet. Selbst der Instrumentalunterricht findet unter freiem Himmel statt, eine wunderbare Stimmung.


Vom Hostel aus beobachte ich eine vielleicht 4. Klasse. Acht Kinder (die Klassen sind immer klein) sitzen mit dem Lehrer auf einem Spielplatz um einen runden Tisch. Dann strömen die Kinder aus und es werden Bäume gezeichnet, danach wird Fangen gespielt. In einer anderen Schule lernen die jungen Jugendlichen, wie man einen Weg mit Steinen anlegt, denn die Schule benötigt einen neuen Zuweg vom Eingangstor aus. Am 9. September ist der Dia del Ninos. Das Fernsehen zeigt, wie Kinder Luftballons in Vogel- oder Mondform basteln. Diese lassen sie dann steigen, als Zeichen für den Frieden für alle Kinder der Welt.
Die Schuluniformen sind unterschiedlich, mal konservativ mit weißem Hemd, mal formloser. Besonders gut gefallen mir die farbigen Polohemden, z.B.in hellblau oder gruen, die mit dem Teint vieler Ticos harmonieren.
Natürlich sind die scheinbar paradiesischen Zustände gar nicht so paradiesisch. Privatschulen sind sehr verbreitet und die Schulpflicht liegt bei nur 6 Jahren. Das liegt wohl kaum daran, dass die Schüler in den kleinen Klassen nach 6 Jahren schon alles gelernt haben.







Castraciones:
(Keine Angst, es geht um die Kastration von Haustieren)
Salon Comunal de Cabuya: Eigentlich nur ein Blechdach über einer 1m hohen Mauer. Davor eine muntere Versammlung von Nachbarn mit ihren vierbeinigen Lieblingen, fast schon ein Dorffest, es wird gelacht und geschwatzt. Der Tierarzt ist angereist, offenbar ein größeres lokales Ereignis. Man zahlt ca 14 Euro für den Eingriff, Sozialhilfeempfänger zahlen die Haelfte, Der Busshuttle morgens um 8 hin und um 13 Uhr zurück ist gratis.







Mittwoch, 3. September 2014

Monteverde (Costa Rica)

Das Örtchen Santa Elena ist eigentlich im Nirgendwo, zwischen grünen Hügeln und Wäldern versteckt und nur über Schotterstrassen mühsam zu erreichen. Umso verwunderlicher ist es, dort die komplette touristische Infrastruktur vorzufinden, mit Souvernirshops gigantischer Ausmaße und Touragenturen in jedem zweiten Haus. Offenbar versucht man, die Idylle auch für diejenigen erträglich zu machen, die lieber im Disneyland gelandet wären. Die Angebote reichen von Reptilienzoos über den Skytrain bis zu Zip-Line Canopy (Seilrutsche) und Bungee-Jumping. Ich bin froh, in der Nebensaison (temporada baja) hier gelandet zu sein.



Umso wohltuender ist es, den Trubel hinter sich zu lassen und ca. 8 km entfernt in die Nebelwälder des Reserva Santa Elena einzutauchen. Obwohl diese Wälder den Ort bekannt gemacht haben, begegnet man keiner Seele (die Anziehungskraft des Zip-Line Canopy erscheint übermächtig). Feuchtigkeit ist in der Luft, Tropfen haengen an Pflanzen und Spinnennetzen. Die gigantischen Baumstämme sind moosbewachsen, die Feuchtigkeit, die im Moos gespeichert wird, nutzen wiederum andere Pflanzen, um sich auf diesen Bäumen niederzulassen. So entstehen organische Mehretagenhäuser aus Farnen, Bromelien, Orchideen, Pilzen und anderen Pflanzen, die ich nicht kenne - ein wunderbares Dickicht, durch das die Sonnenstrahlen nur manchmal gelangen.




Daneben gibt es noch einen Wald mit Ficus-Bäumen (strangler fig). Diese Bäume wachsen von oben nach unten, indem sie sich in anderen Bäumen einsamen und ein Netz aus Wurzeln ausbilden, um den Boden zu erreichen. Im Kampf ums Licht im Dschungel sind sie mit dieser Strategie die Könige. Oft gelingt es ihnen dabei, ihren Gastgeber-Baum mit den Wurzeln zu erwürgen. Es entsteht ein riesiger Hohlraum, der vom Wurzelgeflecht umschlossen ist. Wird es einen Tag geben, an dem die Strangler Figs alle Pflanzen erdrosselt haben und die Weltherrschaft übernehmen?