Samstag, 30. August 2014

Schweinebraten unter Palmen

Die Karibik als deutscher Sehnsuchtsort

Am Rande des Dschungels haben sich P. und Y. ihr künstliches Paradies geschaffen: Ein riesiges Anwesen, in dem in feinster Gartenarchitektur alle denkbaren tropischen Pflanzen arrangiert sind. Bananen und Sternfrucht aus eigenem Anbau. Der Gärtner ist den ganzen Tag damit beschäftigt, diesen Zustand paradiesischer Vollkommenheit zu bewahren. Im Garten stehen vier herausgeputzte Hütten, bei denen jedes Einrichtungsdetail aus einem Landleben-Magazin stammen könnte. Eine dieser Hütten bewohnen wir derzeit.


 "Heute gibt es Schweinebraten mit Klößen", sagt P., der mit Y. vor 23 Jahren aus Deutschland bzw. Österreich in die Karibik ausgewandert ist. Natürlich, es ist ja auch Sonntag und Y. wirbelt in der Küche herum.
Ganz anders die Stimmung in Cahuita, dem Staedtchen, zu dem das Anwesen gehört: Locker verstreute Hütten mit Wellblechdächern im quadratischen Straßennetz. Nichts scheint fuer die Ewigkeit gebaut zu sein, was bei diesen Witterungsbedingungen auch wohl kaum moeglich waere. Menschen sitzen an der Straße herum, Improvisation und betonte Entspanntheit scheinen das Motto zu sein, auch wenn die Härte des Alltags so manchem Furchen ins Gesicht gegraben hat.


Was ist es, das die Europäer hierhin zieht, sie sogar für immer hier sesshaft werden lässt? Der Dschungel ist ein widriges Dickicht mit Mosquitos, nicht gerade für den Mitteleuropäer geschaffen. Und der deutsche Perfektionsdrang lässt sich kaum mit der hiesigen alles-ist-easy-Attitüde vereinbaren.
Ein kleines Open-Air-Café auf der Hauptstraße. "Wie schmecken euch die Milchshakes? Ich mache sie nämlich mit echter Kuhmilch", fragt die Besitzerin, ausgerechnet wieder eine Deutsche. Ich verkneife es mir zu erwidern, dass mir die Milchshakes in einer anderen Bar (wo sie wahrscheinlich mit Milchpulver hergestellt werden) besser geschmeckt hatten. "Ich würde mit Speiseeis hier vorsichtig sein, aber meines könnt ihr ruhig essen, das mache nämlich ich", fügt sie hinzu. Wieder dieser deutsche Perfektionsdrang im karibischen Sehnsuchtsort, genauso wie bei Y. in unserer Unterkunft, die die Gemeinschaftsküche jeden Morgen pünktlich um 10 Uhr penibelst gründlich putzt und unser Bettlaken jeden Tag aufs Neue faltet. Es mutet an wie ein beharrlicher Kampf gegen die Mächte der Natur und widrige Umstände. Das perfekte Durchgestalten gegen den Geist der Improvisation. Damit stehen diese Auswanderer fast schon in der Tradition vergangener Jahrhunderte: Dem fuer europaeische Augen Ungeordneten Regel und Struktur einzuflößen, wie es Wissenschaftler, Entdecker und Eroberer fast überall auf der Welt taten. Wo aber bleibt da die Sehnsucht nach einer anderen, vielleicht heileren Welt?


Und wo stehe ich schließlich, der ebenfalls die Karbik bereist? Auch mich wird irgendetwas dazu bewegt haben, mich ausgerechnet in diese Unterkunft zu begeben. Gut, mir wären Plastikschalensitze lieber als durchgestylte, schwere Bambusmöbel. Doch die Hütten in bezaubernd gestalteter Parklandschaft sprechen mich schon an. Und auch an der deutschen Milchshake-Bar scheint mich irgendetwas verlockt zu haben. So scheine auch ich Teil der Erobererkultur zu sein, die dem Traum nach Perfektion erlegen ist.


Unsere kleine Farm

Das Schöne am Nationalpark von Cahuita ist, dass man Dschungel- und Meerestiere gleichermaßen bestaunen kann. Hier ein Ranking meiner Lieblingstiere:

5. Die Krabben, die sich am Strand einfache Sandlöcher als Wohnungen graben. In einem ruhigen Moment kommen sie heraus, fahren ihre Stielaugen aus und starren mich ängstlich an.

4. Die Brüllaffen: Gesellige Herdentiere, die sich lässig in die Baumwipfel legen. Um 4.30 Uhr morgens (Sonnenaufgang) machen sie ihrem Namen alle Ehre und brüllen alle nicht nachtaktiven Lebewesen in die Realität des Tages hinein. Dabei sorgen sie für einen ausgezeichneten Urwald-Athmo-Sound.


3. Die Einsiedlerkrebse: Wie in einem Schöner-Wohnen-Katalog suchen sie sich die schönsten Schneckenhäuser der Gegend aus, um sie ihr Eigenheim zu nennen, und führen sie stolz spazieren.


2. Der riesige blaue Schmetterling: Wie ein Adliger der Rokokozeit zieht er raumgreifend und doch elegant seine Runden und lässt den Dschungel erstrahlen. Setzt er sich aber, so ist nur seine schwarze Rückseite zu sehen, auf der sich das Muster einer Rokoko-Tischdecke zeigt.

1. "Fluffy Slothy", so haben wir das sympathische Dreizehenfaultier genannt, das sich im Dickicht verbarg. Ohne sich von uns Beobachtern aus dem Konzept bringen zu lassen, legte es in 30 Minuten ca. 50 cm zurück. Ab und zu warf es uns einen Blick zu, mit einem Ausdruck des Mitleids für unser hektisches Leben auf zwei Beinen.


Montag, 25. August 2014

Cahuita (Costa Rica)





Klebrige Schwüle
Nur nicht bewegen
Eine Echse
Huscht vorbei
Blätter mächtiger Pflanzen
Überschatten
Deinen feuchten Körper
Ganz oben im Wipfel
Affengebrüll

Samstag, 23. August 2014

San José (Costa Rica)

Ein architektonisches Chaos: eine nicht enden wollende Landschaft aus Parkplätzen, Stacheldrähten, Zäunen, Leitungsdrähten und Betonflächen, zwischen denen die etwas ansprechenderen Bauten erdrückt werden. Lediglich die Betonkirche vor unserer Haustür versprüht Originalität, auch in Köln weiß man schließlich mit Betonkirchen etwas anzufangen.




Ich sitze im zum Hostel gehörigen Garten, unter Bananenbäumen und Bambusgruppen. Frühmorgens ein Vogelgezwitscher wie im Tropenhaus. Ich beäuge die mir unbekannten Geldscheine. Mein Highlight ist die 10.000 Colon-Banknote, auf der sich ein drolliges Dreizehenfaultier räkelt. "Mach`s wie ich!", scheint es mir in seiner lässigen Pose zuzurufen.


Paula ist die - wenn man die Hausregeln befolgt - gut gelaunte und sehr hilfsbereite Mutti des Hostels. Sie lässt sich von zwei Mitzwanzigern unterstützen, die sie liebevoll  als ihre Adoptivkinder bezeichnet: ein Mädchen, deren Namen ich nicht kenne, und Sebastian (ausgerechnet ein reizender Deutscher), den die Liebe zum Entschluss veranlasst hat, Costa Rica bis auf Weiteres nicht mehr verlassen zu wollen. Wir wurden von Paula noch nicht adoptiert, fühlen uns aber ein wenig so - wir sind nämlich die einzigen Gäste im Hostel und erhalten damit die volle Aufmerksamkeit der dreiköpfigen Belegschaft.


Im Museum für zentralamerikanische Gegenwartskunst liegot auf dem Boden ein riesiges Copyright-C. Zunächst sieht es aus wie ein Flokati, doch bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als ein Ensemble aus Reis, Mais und Bohnen, etwa das Herzstück dessen, was Costa Rica einzigartig macht? Das Copyright ignorierend schieße ich ein Foto. Dann beeindruckt mich besonders ein Video eines Künstlers aus Guatemala: Blattschneideameisen tragen Flaggen verschiedenster Nationen durch die Gegend. Ist diese Ameisenwanderung eine Reise zur Völkerverständigung oder müssen die armen Insekten alle Last der Nationalstaaterei auf ihrem Rücken tragen?


Zuletzt ist da noch die Kunst aus präkolumbianischer Zeit, die auf uns so herrlich verspielt und phantasievoll wirkt. So mancher Comiczeichner hat sich scheinbar von den zierlichen Statuetten inspirieren lassen.  


Dienstag, 19. August 2014

Inventur vor der Abreise (nach Günter Eich)



Dies ist mein Ticket,
Dies ist mein Ausweis,
Dies ist mein Smartphone
Mit allen Kontakten.
 
Zwei lange Hosen,
Ein Sweatshirt, ein Handtuch,
Das blaue Hemd
(Es ist bügelfrei).
 
Im Brustbeutel sind
Eine Handvoll Dollars
Und Kleinigkeiten
Von großem Belang.
 
Ideen enthält
Mein kleines Notizbuch.
Der Becher aus Plastik
Ist für meinen Tee.
 
Dies ist mein Waschzeug,
Dies ist mein Schlafsack,
Dies ist mein Gürtel,
Dies ist mein Schal.
 

Freitag, 15. August 2014

Riga

Jetzt also Riga: 
Eine erstaunlich große Stadt mit einem erstaunlich langsamen Pulsschlag. Die Autos fahren gemächlich und umsichtig und halten an Zebrastreifen, Menschen warten an der roten Ampel, der öffentliche Verkehr ist ein drolliger Mix aus alten Bimmelbahnen (manchmal mit Blumenampel drin), neueren Bimmelbahnen und Trolleybussen. Ausgedehnte Parks umringen die Altstadt, die Bausubstanz ist erfreulich alt und in einem charmanten Mix aus restauriert (die tollen Jugendstilvillen), noch nicht restauriert und halb verfallen.  
 
 
 
 Die Sprache mit ihren nur 2 Millionen Sprechern bietet zunächst wenig Anhaltspunkte. Bei genauerem Hinsehen aber erkenne ich bekannte Wörter, die offenbar gerne mit dem lettischen Lieblingsbuchstaben versehen werden: 
Bars 
Restaurans 
Johans Gotfrids Herders 
Kebabs 
 
Der tägliche Markt ist gigantisch und umfasst neben fünf riesigen Markthallen (die früher als Luftschiffhallen dienten) für Fleisch, Fisch und Trödel auch Freiluftstände der Kleinbauern und Schrebergärtner, die ihre Erträge feilbieten und damit die Marktfläche in einen Teppich aus Blaubeeren, Pflaumen und Kartoffeln verwandeln. 
 
 
 
Zu Essen gibt es kalte Rote-Bete-Suppe, die an Farbenfreude kaum zu überbieten ist. Dazu sehr gutes Schwarzbrot, dessen Geschmack hin und wieder durch eine leichte Kümmelnote getrübt wird. Der Sinn des lettischen Nationalgetränks "Schwarzer Balsam", eines bitteren Likörs (schon ein Widerspruch in sich) aus Kräutern, der schwarz und ölig nur zäh die Kehle herunterrinnt, hat sich mir auch beim zweiten Mal nicht erschlossen. 
 
 
Dann ist da schließlich noch mein Freund Lars, der mit seiner Familie im Wald von Jurmala wohnt, einem Kur- und Ferienort vor den Toren Rigas, der eigentlich von reichen Russen frequentiert wird. Bezaubernd sind die alten Holzvillen, von denen mein Freund eine eher bescheidenere Version behaust. Schön, dass er nach der langen Zeit und den unterschiedlichen Lebensumständen der Alte geblieben ist. Das schicke 5-Sterne-Überraschungsmenü zu seinem Geburtstag, das von Samthandschuh tragenden Kellnern in Perfektion serviert wurde, wäre gar nicht nötig gewesen (obwohl ich die Meeresfrüchteplatte sehr genossen habe). Gemeinsam im lauschigen Garten zu sitzen, Tee zu trinken und eine zu schmöken, schafft das Gefühl alter Vertrautheit.  
 
 
 

Donnerstag, 14. August 2014

Dangast am Jadebusen

Es fällt schwer zu erklären, warum Dangast einer der schönsten Orte der Welt sein soll: Zweimal am Tag dümpelt die gräulich-braune Nordseeflut träge an die kurzen Strandabschnitte, bierbäuchig-nerdige Touristen führen ihre Pinscher spazieren und die Campingplätze sind so eng besiedelt wie die Bausteine eines Motherboards. 
Und dennoch: Die flache Landschaft besteht zu zwei Dritteln aus Himmel, und der sorgt dafür, dass im Spiel von Wolken, Wind und Sonne immer etwas passiert. 
 
 
Am Strand von Karl-August Tapken kann jeder tun und lassen, was er will: Kinder suhlen sich im Schlick, Teens trinken Bier am Lagerfeuer, Verliebte machen ein Candlelight-Dinner auf dem Steg. Die Kunstwerke, die über den Strand verstreut sind, so der Thron des Kaisers Butjatha und der meterhohe Steinpenis,  schauen sich das mit norddeutscher Gelassenheit an. Am Abend taucht das Sonnenlicht den Schlick in ein tiefes Rot-Orange. 
 
 
 

Am Wochenende setzt eine Massenpilgerreise nach Dangast ein. Im alten Kurhaus sitzen an langen Tischen glücklich vereint die würdige Dame neben dem Motorradfahrer in Lederkluft und dem Punk mit Hund und genießen den weltbesten Rhabarberkuchen.