Die Karibik als deutscher Sehnsuchtsort
Am Rande des Dschungels haben sich P. und Y. ihr künstliches Paradies geschaffen: Ein riesiges Anwesen, in dem in feinster Gartenarchitektur alle denkbaren tropischen Pflanzen arrangiert sind. Bananen und Sternfrucht aus eigenem Anbau. Der Gärtner ist den ganzen Tag damit beschäftigt, diesen Zustand paradiesischer Vollkommenheit zu bewahren. Im Garten stehen vier herausgeputzte Hütten, bei denen jedes Einrichtungsdetail aus einem Landleben-Magazin stammen könnte. Eine dieser Hütten bewohnen wir derzeit.
"Heute gibt es Schweinebraten mit Klößen", sagt P., der mit Y. vor 23 Jahren aus Deutschland bzw. Österreich in die Karibik ausgewandert ist. Natürlich, es ist ja auch Sonntag und Y. wirbelt in der Küche herum.
Ganz anders die Stimmung in Cahuita, dem Staedtchen, zu dem das Anwesen gehört: Locker verstreute Hütten mit Wellblechdächern im quadratischen Straßennetz. Nichts scheint fuer die Ewigkeit gebaut zu sein, was bei diesen Witterungsbedingungen auch wohl kaum moeglich waere. Menschen sitzen an der Straße herum, Improvisation und betonte Entspanntheit scheinen das Motto zu sein, auch wenn die Härte des Alltags so manchem Furchen ins Gesicht gegraben hat.
Was ist es, das die Europäer hierhin zieht, sie sogar für immer hier sesshaft werden lässt? Der Dschungel ist ein widriges Dickicht mit Mosquitos, nicht gerade für den Mitteleuropäer geschaffen. Und der deutsche Perfektionsdrang lässt sich kaum mit der hiesigen alles-ist-easy-Attitüde vereinbaren.
Ein kleines Open-Air-Café auf der Hauptstraße. "Wie schmecken euch die Milchshakes? Ich mache sie nämlich mit echter Kuhmilch", fragt die Besitzerin, ausgerechnet wieder eine Deutsche. Ich verkneife es mir zu erwidern, dass mir die Milchshakes in einer anderen Bar (wo sie wahrscheinlich mit Milchpulver hergestellt werden) besser geschmeckt hatten. "Ich würde mit Speiseeis hier vorsichtig sein, aber meines könnt ihr ruhig essen, das mache nämlich ich", fügt sie hinzu. Wieder dieser deutsche Perfektionsdrang im karibischen Sehnsuchtsort, genauso wie bei Y. in unserer Unterkunft, die die Gemeinschaftsküche jeden Morgen pünktlich um 10 Uhr penibelst gründlich putzt und unser Bettlaken jeden Tag aufs Neue faltet. Es mutet an wie ein beharrlicher Kampf gegen die Mächte der Natur und widrige Umstände. Das perfekte Durchgestalten gegen den Geist der Improvisation. Damit stehen diese Auswanderer fast schon in der Tradition vergangener Jahrhunderte: Dem fuer europaeische Augen Ungeordneten Regel und Struktur einzuflößen, wie es Wissenschaftler, Entdecker und Eroberer fast überall auf der Welt taten. Wo aber bleibt da die Sehnsucht nach einer anderen, vielleicht heileren Welt?
Und wo stehe ich schließlich, der ebenfalls die Karbik bereist? Auch mich wird irgendetwas dazu bewegt haben, mich ausgerechnet in diese Unterkunft zu begeben. Gut, mir wären Plastikschalensitze lieber als durchgestylte, schwere Bambusmöbel. Doch die Hütten in bezaubernd gestalteter Parklandschaft sprechen mich schon an. Und auch an der deutschen Milchshake-Bar scheint mich irgendetwas verlockt zu haben. So scheine auch ich Teil der Erobererkultur zu sein, die dem Traum nach Perfektion erlegen ist.

























