Dienstag, 16. Oktober 2018

Schlagerparty


“Tunga tunga” fegt der synkopische Rhythmus durch den schweißgeschwängerten Saal. Ein Hitzewelle von Cumbia und Merengue. Darüber legt sich die schmachtende Stimme des Sängers, dessen Melodie wiederum von einem ebenso schmachtenden Akkordeon nachgeahmt wird. Es ist Schlager-Zeit in Córdoba, die Musik heißt Cuarteto. So beliebt, wie sie bei vielen Cordobeser Party-Mäuschen und -Häschen, besonders aus der Arbeiterschicht, ist, so despektierlich wird sie von anderen, besonders von Vertretern der Mittelschicht, als Prollmusik abgetan. So billig wie die immer gleichen Rhythmen und klischeeüberladenen Texte auch sein mögen, so ganz kann ich mich dem überdrehten Schwung und der Energie der Musik nicht verwehren, wie bei einem schlicht gestrickten Karnevalslied eben auch.
In Argentinien brachten die Einwanderer ihre Volksmusik mit, die zunächst im Quartett gespielt wurde, daher auch der Name. Und wie das Meiste in Argentinien hat sich das, was die Einwanderer so mitbrachten, mit anderen kulturellen Einflüssen vermischt, sodass irgendwann die Latino-Rhythmen dazu kamen.
Carlos Jiménez war es, der nach den Restriktionen der Diktatur in den 80er Jahren das Cuarteto wieder zum Leben erweckte. Er ist ein energetisches Gesamtkunstwerk. Sein Dauerwelle im Tony Marshall-Look, seine Glitzerkleidung sowie sein Hüftschwung verleihen ihm etwas seltsam Camp-mäßiges. Sein Spitzname „La Mona“ (die Äffin) erscheint daher nicht ganz unpassend.



Nicht weniger energiegeladen ist Rodrigo „El Potro“ (der Hengst). Durch ihn strahlte die Musikrichtung über die Provinzgrenzen aus: Er machte das Cuarteto in der 90er Jahren in ganz Argentinien populär, sodass die ganze Nation gemeinsam mit ihm „Soy Cordobés“ (Ich bin aus Córdoba) gröhlte. Der Text, wer hätte das gedacht, lässt kaum ein Córdoba-Klischee aus: der Fernet Branca, die schönsten Frauen, und Rodrigo brauche keinen Ausweis, schließlich verrate sein Akzent seine Herkunft. Rodrigo hätte spielend Texter von kölschen Karnelsliedern werden können. Hatte Rodrigo anfangs noch lange dauergewellte Haarpracht ähnlich der seines Kollegen Carlos Jiménez, trug er später eine schnittige Kurzhaarfrisur, die er sich abwechselnd rot, blau oder grün färbte, was ihm ein noch energetischeres Aussehen verpasste. Im Jahr 2000 verunglückte er mit 27 Jahren bei einem Autounfall. Ein biographischer Film mit dem Titel „El Potro“ ist gerade im Kino zu sehen.



Mein liebster Cuarteto-Star aber ist Walter Olmos. Er kommt nicht aus Córdoba, sondern aus Catamarca, was er auch gern in eigentlich jedem Lied betont. Er galt als Nachfolger Rodrigos, kommt aber niedlicher und charmanter daher. Er legte eine atemberaubende Karriere hin und hatte wie Rodrigo die Möglichkeit im Luna Park in Buenos Aires aufzutreten. 2002, nur zwei Jahre nach dem Unfalltod Rodrigos, beging Walter Olmos im Alter von 20 Jahren Selbstmord.

Und heute? Cuarteto lebt, die Schlagerparty geht weiter. Und die Versuchung, einmal eine solch schweißtriefende Cuarteto-Halle am Ufer des Flusses zu besuchen, ist groß … 


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