Auf den europäischen Betrachter wirkt ein
lateinamerikanischer Straßenzug zunächst einmal abweisend: Hohe Mauern oder
Gitter machen die Grundstücke unnahbar, die Fenster sind ebenfalls durch Gitter
oder Jalousien verschlossen, man hat keinen Einblick in die Privatsphäre der
Bewohner oder erfährt kein Zeichen, ob gerade jemand zu Hause ist oder nicht.
So soll das Risiko eines Einbruchs vermindert werden, wobei sich die Frage
stellt, ob nicht ein hohes Gitter ein größerer Anreiz ist einzubrechen, weil
bei solch einem Haus wohl etwas zu holen sein wird.
In der Zona Norte Córdobas ist das nicht anders. An manch
hoher Mauer, hinter der man ein prächtiges Anwesen vermuten kann, prangt das
Schild „dueño
vende“ – der Eigentümer verkauft, und eigentlich müsste man schon einen Besichtigungstermin
machen, um die Neugier zu stillen, was sich eigentlich hinter dieser hohen
Mauer verbirgt.
Erfreulich anders öffnen sich aber auch wenige Häuser zur
Straße und laden den Spaziergänger ein, Vermutungen über ihre Bewohner
anzustellen. Der architektonischen Freiheit sind keine Grenzen gesetzt: von
protzig-geschmacklos bis avantgardistisch-stilvoll und nostalgisch-verklärt
sind alle Varianten zu finden. Hier ein paar Beispiele:
Der Psychoanalytiker Walter, 5. Generation deutscher
Auswanderer, kehrte nach einem zweijährigen Stipendium in New York nach Córdoba
zurück. Nach einigen Jahren der Selbstständigkeit in der Zona Norte, wo die Psychoanalyse
hip ist, bekam er eine Dozentenstelle an der Nationalen Universität, mit dem
Schwerpunkt des Zusammenhangs zwischen Psychoanalyse, Neurobiologie und der
postmodernen Konzeption des „Selbst“. In einem Seminar lernte er seine heutige
Freundin kennen, mit der zusammen er dieses Haus bauen ließ. Hinter der
Fensterfront verbirgt sich das großzügige Treppenhaus, ein Symbol der Öffnung
und stetigen Weiterentwicklung des „Selbst“.
Isabella und Dante waren Farmer in der Provinz Misiones im
Norden Argentiniens. Die Rinderzucht hatte sie wohlhabend gemacht, aber auch
müde. Sie wollten nicht mehr früh aufstehen, ihre Kleidung mit roter Erde
beschmutzen, und auch die drückende Schwüle des tropischen Nordens konnten sie
nicht mehr ertragen. Gegen den Widerstand ihrer drei Kinder im Teenage-Alter
beschlossen sie in den Norden Córdobas zu ziehen, wo es weniger feucht ist, wo
man die Nächte mit einem Fernet genießen kann, und in wenigen Minuten beim Supermarkt
ist. Ihr Haus ließen sie im Stil einer Jesuiten-Estancia bauen, wie sie in
ihrer alten Heimat von der Vergangenheit erzählen und wie man sie auch im
Cordobeser Umland noch besuchen kann.
Ernesto hat wegen seiner italienischen Vorfahren – wie so
viele Argentinier – einen italienischen Pass. Vor zehn Jahren nutzte er das für
einen ausgedehnten Aufenthalt in Italien, besuchte seine Großtanten und
Großcousins, aß Pasta, die ihm nicht schmeckte - war sie doch anders als in
seiner Heimat sehr al dente
zubereitet -, und besichtigte verträumte Parks und Villas, was nicht ohne
Spuren blieb. Ohnehin ist er ein wenig praktisch veranlagter, dafür umso
fantasievoller Mensch. Wenige Tage nach seiner Rückkehr in Córdoba erblickte er
dieses schlossartige Anwesen, verliebte sich, zählte seine Dollar und
beschloss, einen Kredit aufzunehmen, um der stolze Besitzer zu werden. Die
Rückzahlung des Kredits belastet ihn schon, wo er sich doch als piletero, jemand, der Swimming Pools
wartet und reinigt, mehr schlecht als recht durch’s Leben schlägt. So ist er
auch sein eigener Gärtner, der Traum eines Angestellten für sein Anwesen lässt
sich einfach nicht verwirklichen. Zuletzt beschloss er, zwei Zimmer an seine
Bekannte Valeria unterzuvermieten. Das hilft, um mit den steigenden Kosten für
Strom, Gas und Wasser zurechtzukommen.
Machen wir einen Sprung ins Stadtzentrum. Oben rechts in
diesem Kachel-Beton-Bau mit dem aus Köln inspirierten Schick wohnt Eugenia,
Studentin der Internationalen Beziehungen. Aufgewachsen in einem Dorf in den
Sierras de Calamuchita konnte sie es kaum erwarten, die dörfliche Enge zu
verlassen und die Freiheiten der Großstadt zu genießen. Gleichwohl freut sie
sich, wenn ihre Mama zu Besuch kommt, in ihrem Apartment schläft und sie zum
Kino einlädt. Ist Mama nicht zu Besuch, treffen sich ihre Studienfreundinnen gern
bei ihr, denn sie ist die Einzige in der Clique, die eine eigene Wohnung hat:
Zum Ärger der Nachbarn wird in den frühen Morgen laute Musik gehört, und umso
lauter gequatscht und kräftig Fernet getrunken. Leiser ist es am Tag danach,
wenn sich alle etwas verkatert zum Mate treffen.





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