„No tengo DNI. Soy extranjero!” Ich könnte es zum Himmel schreien:
„Ich habe keine DNI. Ich bin Ausländer!“ Das Fehlen eben dieser DNI macht mich
in Alltagssituationen und Verwaltungsvorgängen zu einem Alien, der ungläubig
angeguckt wird oder völlige Verwirrung und Hilflosigkeit beim Gegenüber
auslöst.
Eine DNI (documento
nacional de identidad) ist eine Nummer, die jedem Argentinier bei seiner
Geburt zugewiesen wird. Sie ist Teil der Identität, jeder kann seine DNI
auswendig, und das ist auch notwendig, weil man sie mehrmals am Tag aufsagen
oder in einen Computer eingeben muss. Viele Länder haben dieses System, warum
es das in Deutschland nicht gibt, weiß ich nicht. Wer kann schon die wirre
Buchstaben-Zahlen-Kombination auf seinem Personalausweis auswendig? Und warum
ist die Nummer auf dem Reisepass eine andere als im Personalausweis?
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| Ich hätte auch gern ein Dokument wie diese freundliche Dame |
Die Verwirrung fängt schon bei der Supermarktkasse an, wenn
ich mit Kreditkarte bezahlen möchte. Man muss ein Dokument zur Identifikation
vorzeigen. Der Kassierer gibt normalerweise die DNI des Kunden in die Kasse
ein, bei mir natürlich nicht. Manchmal führt das zu einer 20-minütigen
Verzögerung, weil drei andere Kassierer um Rat gefragt werden müssen, verzweifelte
Blicke getauscht werden müssen und ein anderes Kartenlesegerät beschafft werden
muss. Währenddessen werden die Gesichter in der Warteschlange hinter mir immer
müder und gelangweilter, aber nie verärgert, denn Warten ist man hier gewöhnt.
Das Bizarre aber ist, dass es an einem anderen Tag in demselben Supermarkt
überhaupt kein Problem damit gibt, die geheimnisvolle
Buchstaben-Zahlen-Kombination meines Passes in die Kasse einzugeben.
Komplizierter wird das Ganze bei Verwaltungsgängen. Hier
nennt man das „trámites“, das heißt
soviel wie „Erledigungen“, impliziert aber zugleich, dass dies mit langen
Wartezeiten und bürokratischen Vorgängen verbunden ist. Neulich wurden alle
neuen Mitarbeiter der Schule aus dem Unterricht geholt, denn die Kreditkarten
für das Konto, das der Arbeitgeber jedem neuen Mitarbeiter zuteilt, waren da. Dieser
trámite erwies sich für alle neuen
Mitarbeiter als ganz schlicht: Drei Bankangestellte hatten sich in einem
Klassenraum versammelt, ein paar Unterschriften, ein Dokument mit DNI
vorzeigen, und bitteschön, hier ist die Kreditkarte. Anders natürlich in meinem
Fall: Ungläubiges Staunen, dass es eine menschliche Existenz ohne DNI gibt,
aufgeregtes Telefonieren mit der Zentrale, eine halbe Stunde Warten (und mit
unbeaufsichtigter Klasse) ohne Ergebnis; ich müsse in zwei Tagen mit meinem
Pass bei der Filiale vorbeikommen, es gehe auch ganz schnell. Zwei Tage später
in der Bank wussten alle schon von mir („Der Deutsche ohne DNI“). Dennoch habe
ich dort erneut über eine Stunde verbracht, bis die freundliche Mitarbeiterin
alle ihre Probleme, meinen Fall in die Computermaske einzuarbeiten, mit ihrem
Vorgesetzten besprochen hatte und ich stolzer Besitzer einer Kreditkarte war.
Argentinien hat zwar viele Migranten, besonders aus
Bolivien, Peru und Venezuela, da es aber Abkommen zwischen diesen Ländern gibt,
haben sie sich auf ein einheitliches System verständigt, sodass die
Verwaltungsakte besser fluppen. Ansonsten hat man den Eindruck, die Globalisierung
ist hier nur in Maßen angekommen, was man daran sieht, was für einen exotischen
Fall ich darstelle. Es gibt auch eine Strategie, die ich von anderen Deutschen
erfahren habe, nämlich die Buchstaben auf dem Pass durch eine „0“ zu ersetzen.
Der Erfolg ist unterschiedlich.
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| Selbst dem Papst ist es gelungen, seine DNI bis 2029 zu verlängern |
Der absurdeste und zeitraubendste Fall, der mir bislang
widerfahren ist, ist der Folgende: Von meinem Gehalt wird mir jeden Monat – wie bei jedem Angestellten – Geld für
die „obra social“, eine Mischung aus
gesetzlicher Krankenkasse und Gewerkschaft abgezogen. Um die Leistungen der
Krankenkasse nutzen zu können, muss ich mich bei der „obra social“ registrieren. Diese verlangt jedoch von mir ein
argentinisches Dokument, natürlich mit DNI, um mich in ihre Computermaske
einarbeiten zu können. Es war seitens des Mitarbeiters wirklich großes Bemühen
vorhanden, mich anzumelden, und mir wurden am Computer verschiedene Dokumente
präsentiert, deren Vorlage ihm und mir bei der Bearbeitung weiterhelfen würden.
Leider habe ich solche Dokumente noch nie in meinen Händen gehalten. Ich solle
mir eine „residencia precaria“
besorgen, hieß es, die beinhalte eine vorläufige DNI. Bei der Migrationsbehörde
(1 ½ Stunden habe ich dort zwischen den kleinen Bolivianern gewartet) darf man
mir aber keine „residencia precaria“
ausstellen, denn dafür müsse mein Visum zwei Jahre gültig sein, aber meines ist
nur ein Jahr gültig. Die absurde Folge ist, dass ich Gesundheitsabgaben zahle,
ohne von den Leistungen profitieren zu können. „Así es Argentina“ – „so ist Argentinien“ kommentieren es mit einem
Lächeln einige Menschen, denen ich davon erzähle. Mal sehen, wie diese
Geschichte ausgeht. Ich bin noch unentschlossen, ob ich kapituliere oder
versuche gegen die Windmühlen der argentinischen Bürokratie zu anzukämpfen…


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