
Es ist Viertel
vor Acht, ich betrete das Schulgebäude, gebe meinen Fingerabdruck
ab, laufe die Treppe des Schulgebäudes hoch, und mir schallt ein
fröhliches „Buen día, [ulritsch], cómo estás?“ entgegen. So
kann der Tag beginnen. Die
Secundaria der Schule ist ein
Rechteck im ersten Stock mit einer Galerie um einen Innenhof herum.
Um 10 vor Acht versammeln sich die Schüler/innen auf der Galerie,
die Leiterin der
Secundaria begibt sich ans Stirnende, nimmt
ein Mikro in die Hand und begrüßt die Schüler/innen. Entweder gibt
sie ihnen noch eine Lebensweisheit auf den Weg oder es gibt einen
Gedenk- oder Feiertag, wie z.B. den
día de la memoria, der an
den letzten Militärputsch erinnert und zum Gegenstand der
Ankündigung wird. Schließlich dürfen zwei Schüler/innen die
argentinische Flagge hissen, und alle klatschen. Während dieses
Szenarios bin ich allerdings im viel zu kleinen Lehrerzimmer. Dass es
so klein ist, stört aber nicht so sehr, so redet jede/r mit jedem/r,
und es gibt frisches Obst, criollos (kleine salzige Brötchen) sowie
heißes Wasser für Tee, Mate und Kaffee.
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| unten Primaria, oben Secundaria |
Um acht Uhr
beginnt der Unterricht, die Klassenräume sind klein, entsprechend
den kleinen Lerngruppen, und funktional mit kahlen, gemauerten Wänden
und Schließfächern. Die Stühle sind alt und aus Metall und haben
eine integrierte Schreibablage, wie man das aus den Highschool-Filmen
kennt. Die Atmosphäre ist ungemütlich. Aber in jedem Klassenraum
ist ein Whiteboard, dessen Möglichkeiten es für mich noch zu
entdecken gilt. Die Schüler/innen sind meist noch müde, aber – so
absurd, wie das klingt - gleichzeitig laut und lebhaft.
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| das viel zu kleine Lehrerzimmer - Grüße ans ASG |
Drei Minuten
nach acht kommt einer der vier
preceptores in den Klassenraum
und macht die Anwesenheitskontrolle. Ein
preceptor ist eine
geniale Einrichtung, so eine Mischung aus Verwaltungskraft und
Sozialarbeiter, und entlastet die Lehrkraft um so ziemlich alles, was
man in Deutschland als „Nebengeschäft“ eines Klassenlehrers
versteht. Er ist der „Good Guy“ der Schüler/innen und steht
ihnen bei Kummer und Streit mit Ratschlägen zur Seite, er vereinbart
Termine mit Eltern, sammelt Zettel mit den Unterschriften der Eltern ein und weiß überhaupt alles, was man selber nicht
weiß.
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| täglich frisches Obst |
Das
Unterrichtsgeschäft ist, ich habe es schon angedeutet, lauter und
etwas gewöhnungsbedürtig. Die Schüler/innen melden sich eigentlich
nicht, es sei denn, man fordert sie explizit dazu auf, sondern rufen
die Antwort in den Raum, auch gerne mehrere gleichzeitig, sodass man
eigentlich nur denjenigen mit der lautesten Stimme hört. Da in
Argentinien eigentlich jede/r geduzt wird, bin auch ich für die
Schüler/innen „Ulrich“, vielleicht auch mal „profe“. Die
Stimmung ist eigentlich immer gut, es kann sein, dass jemand mal für
eine Weile zum Schlafen den Kopf auf den Tisch legt, oder zur
Entspannung ein wenig auf dem Handy herumspielt, Ermahnen hilft da
nicht so viel, eher, das Handy gleich wegzunehmen. Interessant ist
auch, die frei flottierende Anwesenheit: Die eine Schülerin ist für
ein paar Tage in Brasilien, der andere vielleicht mal einen Tag in
den Bergen angeln. Alle nehmen dies mit erstaunlicher
Selbstverständlichkeit hin.
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| ein "acto" zu Schuljahresbeginn |
In Argentinien wird den Lehrkräften weniger Vertrauen geschenkt als
in Deutschland. Ich habe es schon angedeutet: Vor und nach der Arbeit
wird mit dem Fingerabdruck ein- und ausgecheckt, sodass ersichtlich
ist, wer pünktlich kommt oder zu früh das Gebäude verlässt. Zu
Schuljahresanfang muss man zudem für jede Lerngruppe haufenweise
Papierkram erledigen. Zunächst erstellt man für jede Gruppe die
requisitos. Darin steht, was von den Schüler/innen verlangt wird,
welche Regeln einzuhalten sind und auf welcher Grundlage die Leistung
bewertet wird. Eltern, Schüler und Lehrer unterschreiben das
Formular. Als Zweites wird für jede Lerngruppe die
aproximación
diagnóstica erstellt. Auf dem ersten Eindruck der Lerngruppe
basierend werden Stärken und Schwächen, das Sozialverhalten und die
Lehrer-Schüler-Beziehung dokumentiert und daraus erste Maßnahmen
für die Gestaltung des Unterrichts abgeleitet. Als dritter und
vierter Schritt kommt dann die vorläufige und die endgültige
Jahresplanung
(planificación general), wieder für jede
Lerngruppe. Dass dieser Haufen an Dokumenten als notwendig angesehen
wird, mag daran liegen, dass es kein Referendariat gibt und viele
irgendwie in den Lehrerberuf hereingerutscht sind. So arbeite ich mit
einer Übersetzerin, einer Psychologin und zwei Studentinnen
zusammen, was aber nicht heißt, dass diese nicht ganz tolle Arbeit
leisten würden.
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| criollos (kleine salzige Brötchen) gibt es immer, zum Monatsende auch facturas (Teilchen) |
Eine weitere Form Form der Kontrolle ist, dass man als
„normale“ Lehrkraft in der Schule nicht drucken und kopieren
kann. Arbeitsblätter und Tests sind 48 Stunden im Voraus an die
Deutsch-Fachleitung zu schicken, diese lässt die Vorlagen dann
kopieren. So behält die Fachleitung die Übersicht, was jede/r
Kollege/in so treibt. Auch lässt sich so Papier sparen, denn wer ist
schon so vorausschauend, 48 Stunden im Voraus Arbeitsblätter
fertigzustellen? Wie so ein Schultag für die Schüler/innen endet,
habe ich noch nicht mitbekommen. Das liegt daran, dass der
Deutschunterricht in der
Secundaria als so wichtig erachtet
wird, dass er immer in den Vormittagsstunden liegt. Und weil ich im
viel zu kleinen Lehrerzimmer keinen vernünftigen Platz zum Arbeiten
habe, verlasse ich mittags nach meinem Unterrichtsende das Gebäude –
der Fingerabdruck beim Check-out beweist es... Die übrigen
Lehrkräfte machen das übrigens genauso, denn die meisten müssen zu
ihrem Zweit- oder Drittjob fahren, weil das Einkommen für Lehrer so
gering ist.
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