Mittwoch, 28. März 2018

Schule auf argentinisch


Es ist Viertel vor Acht, ich betrete das Schulgebäude, gebe meinen Fingerabdruck ab, laufe die Treppe des Schulgebäudes hoch, und mir schallt ein fröhliches „Buen día, [ulritsch], cómo estás?“ entgegen. So kann der Tag beginnen. Die Secundaria der Schule ist ein Rechteck im ersten Stock mit einer Galerie um einen Innenhof herum. Um 10 vor Acht versammeln sich die Schüler/innen auf der Galerie, die Leiterin der Secundaria begibt sich ans Stirnende, nimmt ein Mikro in die Hand und begrüßt die Schüler/innen. Entweder gibt sie ihnen noch eine Lebensweisheit auf den Weg oder es gibt einen Gedenk- oder Feiertag, wie z.B. den día de la memoria, der an den letzten Militärputsch erinnert und zum Gegenstand der Ankündigung wird. Schließlich dürfen zwei Schüler/innen die argentinische Flagge hissen, und alle klatschen. Während dieses Szenarios bin ich allerdings im viel zu kleinen Lehrerzimmer. Dass es so klein ist, stört aber nicht so sehr, so redet jede/r mit jedem/r, und es gibt frisches Obst, criollos (kleine salzige Brötchen) sowie heißes Wasser für Tee, Mate und Kaffee.

unten Primaria, oben Secundaria
Um acht Uhr beginnt der Unterricht, die Klassenräume sind klein, entsprechend den kleinen Lerngruppen, und funktional mit kahlen, gemauerten Wänden und Schließfächern. Die Stühle sind alt und aus Metall und haben eine integrierte Schreibablage, wie man das aus den Highschool-Filmen kennt. Die Atmosphäre ist ungemütlich. Aber in jedem Klassenraum ist ein Whiteboard, dessen Möglichkeiten es für mich noch zu entdecken gilt. Die Schüler/innen sind meist noch müde, aber – so absurd, wie das klingt - gleichzeitig laut und lebhaft.
 
das viel zu kleine Lehrerzimmer - Grüße ans ASG
Drei Minuten nach acht kommt einer der vier preceptores in den Klassenraum und macht die Anwesenheitskontrolle. Ein preceptor ist eine geniale Einrichtung, so eine Mischung aus Verwaltungskraft und Sozialarbeiter, und entlastet die Lehrkraft um so ziemlich alles, was man in Deutschland als „Nebengeschäft“ eines Klassenlehrers versteht. Er ist der „Good Guy“ der Schüler/innen und steht ihnen bei Kummer und Streit mit Ratschlägen zur Seite, er vereinbart Termine mit Eltern, sammelt Zettel mit den Unterschriften der Eltern ein und weiß überhaupt alles, was man selber nicht weiß.

täglich frisches Obst

Das Unterrichtsgeschäft ist, ich habe es schon angedeutet, lauter und etwas gewöhnungsbedürtig. Die Schüler/innen melden sich eigentlich nicht, es sei denn, man fordert sie explizit dazu auf, sondern rufen die Antwort in den Raum, auch gerne mehrere gleichzeitig, sodass man eigentlich nur denjenigen mit der lautesten Stimme hört. Da in Argentinien eigentlich jede/r geduzt wird, bin auch ich für die Schüler/innen „Ulrich“, vielleicht auch mal „profe“. Die Stimmung ist eigentlich immer gut, es kann sein, dass jemand mal für eine Weile zum Schlafen den Kopf auf den Tisch legt, oder zur Entspannung ein wenig auf dem Handy herumspielt, Ermahnen hilft da nicht so viel, eher, das Handy gleich wegzunehmen. Interessant ist auch, die frei flottierende Anwesenheit: Die eine Schülerin ist für ein paar Tage in Brasilien, der andere vielleicht mal einen Tag in den Bergen angeln. Alle nehmen dies mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit hin.


ein "acto" zu Schuljahresbeginn
In Argentinien wird den Lehrkräften weniger Vertrauen geschenkt als in Deutschland. Ich habe es schon angedeutet: Vor und nach der Arbeit wird mit dem Fingerabdruck ein- und ausgecheckt, sodass ersichtlich ist, wer pünktlich kommt oder zu früh das Gebäude verlässt. Zu Schuljahresanfang muss man zudem für jede Lerngruppe haufenweise Papierkram erledigen. Zunächst erstellt man für jede Gruppe die requisitos. Darin steht, was von den Schüler/innen verlangt wird, welche Regeln einzuhalten sind und auf welcher Grundlage die Leistung bewertet wird. Eltern, Schüler und Lehrer unterschreiben das Formular. Als Zweites wird für jede Lerngruppe die aproximación diagnóstica erstellt. Auf dem ersten Eindruck der Lerngruppe basierend werden Stärken und Schwächen, das Sozialverhalten und die Lehrer-Schüler-Beziehung dokumentiert und daraus erste Maßnahmen für die Gestaltung des Unterrichts abgeleitet. Als dritter und vierter Schritt kommt dann die vorläufige und die endgültige Jahresplanung (planificación general), wieder für jede Lerngruppe. Dass dieser Haufen an Dokumenten als notwendig angesehen wird, mag daran liegen, dass es kein Referendariat gibt und viele irgendwie in den Lehrerberuf hereingerutscht sind. So arbeite ich mit einer Übersetzerin, einer Psychologin und zwei Studentinnen zusammen, was aber nicht heißt, dass diese nicht ganz tolle Arbeit leisten würden.

criollos (kleine salzige Brötchen) gibt es immer, zum Monatsende auch facturas (Teilchen)

Eine weitere Form Form der Kontrolle ist, dass man als „normale“ Lehrkraft in der Schule nicht drucken und kopieren kann. Arbeitsblätter und Tests sind 48 Stunden im Voraus an die Deutsch-Fachleitung zu schicken, diese lässt die Vorlagen dann kopieren. So behält die Fachleitung die Übersicht, was jede/r Kollege/in so treibt. Auch lässt sich so Papier sparen, denn wer ist schon so vorausschauend, 48 Stunden im Voraus Arbeitsblätter fertigzustellen? Wie so ein Schultag für die Schüler/innen endet, habe ich noch nicht mitbekommen. Das liegt daran, dass der Deutschunterricht in der Secundaria als so wichtig erachtet wird, dass er immer in den Vormittagsstunden liegt. Und weil ich im viel zu kleinen Lehrerzimmer keinen vernünftigen Platz zum Arbeiten habe, verlasse ich mittags nach meinem Unterrichtsende das Gebäude – der Fingerabdruck beim Check-out beweist es... Die übrigen Lehrkräfte machen das übrigens genauso, denn die meisten müssen zu ihrem Zweit- oder Drittjob fahren, weil das Einkommen für Lehrer so gering ist.

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