Mittwoch, 30. Mai 2018

100 Tage Argentinien



Ein Touristenvisum in Argentinien berechtigt für einen Aufenthalt von 90 Tagen. Nun bin ich schon 100 Tage in Argentinien, sozusagen seit zehn Tagen kein Tourist mehr. Was ist also der Mehrwert an Erkenntnissen, der aus diesem Status des nicht-mehr-Tourist-Seins erwächst?


1. Das Wetter: Die Mehrheit der Argentinier findet Deutschland einfach nur kalt, und allein aus diesem Grund würde es den wenigsten einfallen, dort zu leben. Im herbstlichen Morgen bei 7 Grad sind in Córdoba alle am Frieren. Geradezu heldenhaft bewundernswert, aber keinesfalls beneidenswert finden es meine Kollegen, dass ich bei diesen Temperaturen mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Es ist meist sonnig, die Zitronen am Baum wachsen und wachsen und werden immer gelber. Wenn es denn mal regnet, zieht die Feuchtigkeit in alle Wände. In einer Woche heftigen Regens verwandelten sich die Straßen trotz tiefer Abflusskanäle in Flüsse, deren Überquerung zu Fuß eigentlich nur in Gummistiefeln möglich war. Im Haus wellte sich das Papier, die Wäsche wurde nicht mehr trocken. Was für eine Erleichterung, als sich die Sonne dann wieder zeigte und die Flüsse aus den Straßen verschwanden.


2. Man kann sich an Vieles gewöhnen: Das hiesige Lokalgetränk Fernet mit Cola und viel Eis schmeckt anfangs wie süße Medizin und macht zunächst überhaupt keinen Sinn, wenn man sich gesund fühlt. Nach einiger Zeit wird dieses Getränk zur Gewohnheit an einem warmen, sonnigen Sommerabend zum Vorglühen vor dem Abendessen.
Die lokalen kleinen salzigen Brötchen, die Criollos heißen, schmecken nur belanglos, wenn man keine Erfahrung mit ihnen hat. Nach und nach lernt man aber in der Criollo-Szene der Bäckereien Highlights und weniger gelungene Exemplare zu unterscheiden, variieren sie doch beträchtlich in Größe, Dunkelheit, Salzgehalt und Konsistenz des Teiges. Sogar in Blätterteig sind sie erhältlich.

Links der criollo común, rechts die Variante in hojaldre (Blätterteig)
3. Im Land der „trámites“ (ich habe schon darüber berichtet) ist geduldiges Warten eine schöne Gelassenheitsübung. Und die freundliche, diplomatische Beharrlichkeit, die ich entwickelt habe, wenn es mal wieder kompliziert zu werden droht, verbuche ich als Lernerfolg im Bereich „interkulturelle Kompetenzen“. So verwandelt sich die Antwort „Das können wir leider nicht machen“ bei mehrfachem Nachfragen oder erneutem Erscheinen zu einem „Ich will mal sehen, was sich da machen lässt“ bis zu einem „Wir können dir das anbieten, was du verlangt hast“. Leider ist das keine Faustregel.

4. Überhaupt die Kommunikation: Ein Lächeln, eine freundliche Floskel bringt Öl ins Getriebe. Im „Land des Lächelns“ ist es leicht in Kontakt zu kommen, indem man Freundlichkeiten austauscht. Beide Gesprächspartner schwingen sich in eine beglückende Stimmung hoch. Und auf einmal fühlt sich der Ärger, den man eigentlich empfindet, gar nicht mehr wie Ärger an, und das Problem, das man eigentlich ansprechen will, wird unauffällig zwischen diese freundlichen Floskeln geschoben. Da es aber in der Welle von Komplimenten und Freundlichkeit unterzugehen droht, muss man es zwei- oder dreimal erwähnen, damit es überhaupt als Problem erkannt und eben genauso geschmeidig gelöst wird („bleib ruhig“, „kein Problem“) oder einfach weggelächelt wird, da es nichtig oder unlösbar erscheint. Im Streit auseinander zu gehen, scheint da schwer möglich. 


Anders verhält es sich, wenn es ungemütlich ist und regnet. Da wird auch mal ganz offen Unmut geäußert, gerne auch, indem man einfach in die Welt posaunt, was einen nervt, ohne konkreten Adressaten.
Die Wiederholung des immer Gleichen ist ein wichtiges Stilmittel in der alltäglichen Kommunikation. Das gilt besonders für Terminabsprachen. Fest abgemachte Termine können sich ganz schnell wieder in Luft auflösen oder auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Deshalb empfiehlt es sich, sich immer wieder rückzuversichern, ob alles so bleibt, wie es besprochen wurde. Wie man das vor der Einführung von Whatsapp gemacht hat, weiß ich nicht. Menschen, die so viel Zeit brauchen, bis sie mal zu einer Lösung oder Entscheidung kommen, heißen hier „vuelteros“. Ich denke, von ihnen gibt es hier einige. Geht es darum, dass ich eine Deadline gesetzt bekomme, macht es mir selbst große Freude, mich in einen „vueltero“ zu verwandeln, weil ich weiß, dass es immer noch eine Deadline nach der Deadline geben wird.

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