Ein Touristenvisum in Argentinien berechtigt für einen
Aufenthalt von 90 Tagen. Nun bin ich schon 100 Tage in Argentinien, sozusagen
seit zehn Tagen kein Tourist mehr. Was ist also der Mehrwert an Erkenntnissen,
der aus diesem Status des nicht-mehr-Tourist-Seins erwächst?
1. Das Wetter: Die Mehrheit der Argentinier findet Deutschland
einfach nur kalt, und allein aus diesem Grund würde es den wenigsten einfallen,
dort zu leben. Im herbstlichen Morgen bei 7 Grad sind in Córdoba alle am Frieren.
Geradezu heldenhaft bewundernswert, aber keinesfalls beneidenswert finden es
meine Kollegen, dass ich bei diesen Temperaturen mit dem Fahrrad zur Arbeit
fahre. Es ist meist sonnig, die Zitronen am Baum wachsen und wachsen und werden
immer gelber. Wenn es denn mal regnet, zieht die Feuchtigkeit in alle Wände. In
einer Woche heftigen Regens verwandelten sich die Straßen trotz tiefer
Abflusskanäle in Flüsse, deren Überquerung zu Fuß eigentlich nur in
Gummistiefeln möglich war. Im Haus wellte sich das Papier, die Wäsche wurde
nicht mehr trocken. Was für eine
Erleichterung, als sich die Sonne dann wieder zeigte und die Flüsse aus den
Straßen verschwanden.
2. Man kann sich an Vieles gewöhnen: Das hiesige Lokalgetränk
Fernet mit Cola und viel Eis schmeckt anfangs wie süße Medizin und macht
zunächst überhaupt keinen Sinn, wenn man sich gesund fühlt. Nach einiger Zeit
wird dieses Getränk zur Gewohnheit an einem warmen, sonnigen Sommerabend zum
Vorglühen vor dem Abendessen.
Die lokalen kleinen salzigen Brötchen, die Criollos heißen,
schmecken nur belanglos, wenn man keine Erfahrung mit ihnen hat. Nach und nach
lernt man aber in der Criollo-Szene der Bäckereien Highlights und weniger
gelungene Exemplare zu unterscheiden, variieren sie doch beträchtlich in Größe,
Dunkelheit, Salzgehalt und Konsistenz des Teiges. Sogar in Blätterteig sind sie
erhältlich.
3. Im Land der „trámites“ (ich habe schon darüber berichtet)
ist geduldiges Warten eine schöne Gelassenheitsübung. Und die freundliche,
diplomatische Beharrlichkeit, die ich entwickelt habe, wenn es mal wieder
kompliziert zu werden droht, verbuche ich als Lernerfolg im Bereich
„interkulturelle Kompetenzen“. So verwandelt sich die Antwort „Das können wir
leider nicht machen“ bei mehrfachem Nachfragen oder erneutem Erscheinen zu
einem „Ich will mal sehen, was sich da machen lässt“ bis zu einem „Wir können
dir das anbieten, was du verlangt hast“. Leider ist das keine Faustregel.
4. Überhaupt die Kommunikation: Ein Lächeln, eine freundliche Floskel bringt Öl ins
Getriebe. Im „Land des Lächelns“ ist es leicht in Kontakt zu kommen, indem man
Freundlichkeiten austauscht. Beide Gesprächspartner schwingen sich in eine
beglückende Stimmung hoch. Und auf einmal fühlt sich der Ärger, den man
eigentlich empfindet, gar nicht mehr wie Ärger an, und das Problem, das man eigentlich
ansprechen will, wird unauffällig zwischen diese freundlichen Floskeln
geschoben. Da es aber in der Welle von Komplimenten und Freundlichkeit
unterzugehen droht, muss man es zwei- oder dreimal erwähnen, damit es überhaupt
als Problem erkannt und eben genauso geschmeidig gelöst wird („bleib ruhig“, „kein
Problem“) oder einfach weggelächelt wird, da es nichtig oder unlösbar
erscheint. Im Streit auseinander zu gehen, scheint da schwer möglich.
Anders verhält es sich, wenn es ungemütlich ist und regnet. Da
wird auch mal ganz offen Unmut geäußert, gerne auch, indem man einfach in die
Welt posaunt, was einen nervt, ohne konkreten Adressaten.
Die Wiederholung des immer Gleichen ist ein wichtiges
Stilmittel in der alltäglichen Kommunikation. Das gilt besonders für
Terminabsprachen. Fest abgemachte Termine können sich ganz schnell wieder in
Luft auflösen oder auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben werden. Deshalb empfiehlt
es sich, sich immer wieder rückzuversichern, ob alles so bleibt, wie es
besprochen wurde. Wie man das vor der Einführung von Whatsapp gemacht hat, weiß
ich nicht. Menschen, die so viel Zeit brauchen, bis sie mal zu einer Lösung
oder Entscheidung kommen, heißen hier „vuelteros“. Ich denke, von ihnen gibt es
hier einige. Geht es darum, dass ich eine Deadline gesetzt bekomme, macht es mir
selbst große Freude, mich in einen „vueltero“ zu verwandeln, weil ich weiß,
dass es immer noch eine Deadline nach der Deadline geben wird.




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