Donnerstag, 29. Januar 2015

Al fin del mundo (Argentinien)





Die Stadt Ushuaia in Feuerland ist mehr als eine Destination nach dem Motto "bin dagewesen, abgehakt". Die spektakuläre Lage zwischen schneebedeckten Gipfeln und Beagle-Kanal, Wälder, Seen, Inselchen und intensiv erlebbares Wetter machen den Ort einzigartig.
Ushuaia macht viel Wirbel darum, der südlichste Ort der Welt zu sein, dabei ist das nur halb richtig: 1. Das chilenische Puerto Williams liegt noch südlicher, aber in Argentinien wird die Existenz Chiles gerne ausgeblendet, denn die argentinisch-chilenischen Beziehungen sind schwierig. 2. Von hier aus legen Kreuzfahrten zur Antarktis ab, von der sich auch Argentinien ein Tortenstück genehmigt. Ich halte diese Antarktisreisen für Unsinn. Die Reisenden begeistert es, dass es in der Antarktis so menschenleer ist, dabei bevölkern sie selbst zu Hunderten die Kreuzfahrtschiffe und hocken eng aufeinander.


Der zweite Wirbel dreht sich um die Malvinas (Falkland-Inseln). Ushuaia behauptet, seit 1982, also seit der Besetzung der Insel, die den Krieg gegen Großbritannien auslöste, Hauptstadt der Malvinas zu sein, obwohl diese bekanntlich britisch sind. Mit viel Pathos werden auf der Plaza de las Malvinas die argentinischen Soldaten gefeiert, Fotos zeigen Stolz und Leid im Krieg und Broschüren informieren mehrsprachig darüber, warum Argentinien der rechtmäßige Herr über diese bedeutungslose Inselgruppe ist. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass es der Militärdiktator Argentiniens war, der die Inseln besetzen ließ, da er wegen wachsenden innenpolitischen Widerstands einen spektakulären Erfolg brauchte (der im Misserfolg endete).

pathetische Widmung unter dem Denkmal: Die Stadt Ushuaia fuer diejenigen, die mit ihrem Blut die Wurzeln unserer Souveraenitaet über die Malvinas gossen. Wir werden zurueckkommen!!!


Besser gefällt wir die differenzierte Darstellung über die Kultur der indigenen Yámana und ihr trauriges Verschwinden. Die Yámana waren eine kleine Bevölkerungsgruppe in Feuerland, sie lebten nackt, und europäische Reisende beschrieben sie als Menschen mit kräftigen Oberarmen und dünnen Beinchen, da sie sich vorwiegend in Einbäumen paddelnd fortbewegten. Sie lebten in einfachen Hütten aus Fellen der Seelöwen, und wenn ein toter Wal strandete, wurde alles Verwertbare genutzt.

Die Ankunft der Europäer läutete dann den Niedergang dieses Volkes ein. Die Siedler jagten Seelöwen, die Hauptnahrungsquelle der Yámana, in solchem Ausmaße, dass nur noch wenige Tiere überblieben. Die fettreiche Nahrung wurde rar. Als Teil des Zivilisierungsprozesses oder aus Mitleid gaben die Europäer den Indígenas gebrauchte Kleidung. Dadurch wurden nicht nur die Hygienegewohnheiten gestört - es war für die nackten Yámana ausreichend, sich vom Regen reinigen zu lassen -, sondern auch Krankheitskeime übertragen, sodass sich Masern und Tuberkulose ausbreiteten. Um 1900 gab es nur noch 100 Yámana, Fotografien erzählen von ihrem Leben, das sich immer mehr vom traditionellen Lebensstil entfernte. Heute sind diese Fotos und historische Rekonstruktionen das Einzige, was noch sichtbar ist.





Montag, 26. Januar 2015

Krawumm! (Argentinien)



Krawumm! - Ein politisches Erdbeben erschüttert Argentinien. Der Staatsanwalt, Nisman, der im Attentat auf die jüdische Gemeinde im Jahr 1994 ermittelte, wurde in seiner Wohnung tot aufgefunden, und das einen Tag, bevor er vor dem Parlament erläutern wollte, inwieweit die Regierung von Cristina Kircher die Ermittlungen behindert. Es geht einerseits um iranische Hintermänner, die das Attentat verübt haben sollen und andererseits um das Bemühen der Regierung, die Handelsbeziehungen zum Iran zu verbessern. Nisman klagte die Regierung an, die Auslieferung der iranischen Täter zu behindern. Ist der Tod des Staatsanwalts Selbstmord (höchst unwahrscheinlich), ein Verzweiflungstat aus Umkreisen der Regierung, eine Tat des Geheimdienstes? Gab es noch mehr Menschen, die die Enthüllungen des Staatsanwaltes zu fürchten hatten? Rätsel über Rätsel, die die Öffentlichkeit in Atem halten.



Während dieser Tumulte stehe ich über 2000 Kilometer entfernt vor dem Gletscher Perito Moreno und gebe mich der Kontemplation hin. Dass es ihn überhaupt gibt, halte ich für ein Wunder: Es ist über 20 Grad warm und dennoch türmen sich vor mir Eiswände auf, die ein mehrstöckiges Wohnhaus überragen würden. Das Eis schimmert in unbeschreiblichen Blautönen. Die Eismassen scheinen sich einerseits wie ein erstarrter Strom das Tal hinabzugießen, andererseits scheinen sie sich vor dem Lago Argentino wie eine Steilwand aufzutürmen. Vom Aussichtsbalkon kann man den Gletscher wunderbar bestaunen, er strahlt im Kontrast zu den politischen Vorgängen in Buenos Aires eine meditative Ruhe aus.

Nur an die Brüstung lehnen, staunen und warten, dass es"Krawumm" macht, denn die Sonneneinstrahlung lässt riesige Eisbrocken, so groß wie ein Auto, sich lösen und in den See krachen. Dann habe ich Glück: Eine ganze Scheibe Gletscher, wie ein dreistöckiges Haus stürzt ins Wasser, Krawumm!, schlägt riesige Wellen, die sich über den See verteilen, bis die Brocken wieder als Eisberge auftauchen. Dann wieder meditative Ruhe.






Donnerstag, 22. Januar 2015

In 28 Stunden quer durch Patagonien (Argentinien)






Eine Busfahrt von Bariloche nach El Calafate in 28 Stunden. Nicht etwa auf direktem Weg, nein, der Bus fährt scheinbar alle in Patagonien existierenden Städte und Dörfer an, befährt alle existierenden Straßen, und es wird nie langweilig.
Das Begleitprogramm: Warme, mäßig schmeckende Mahlzeiten wie im Flugzeug. Spielfilme ohne Ende, vom belanglosen "Steel Giants" mit kämpfenden Riesenrobotern über "Inception" und "Killer Elite" bis zum interessanten bosnischen Kriegsdrama "In the Land of Blood and Honey" von Angelina Jolie, das mit seinen Massenvergewaltigungen und -erschießungen allerdings nicht das typische Wohlfühlprogramm für eine Reise ist - zum Glück sind keine Kinder an Bord. Lateinamerikanische Busunternehmen sind schmerzfrei, was die Auswahl an Filmen angeht.


Das wirklich interessante Programm spielt sich jedoch hinter der Fensterscheibe ab. Die argentinische Seenlandschaft mit seinen umgebenden Bergen ruft mir zu: "Schlag dein Zelt hier auf!", aber ich habe ja gar keines dabei. Dann werden die Berge zu Hügeln, die Bäume zu Sträuchern, dann zu Büscheln. Grün verwandelt sich in Gelb-, Grau- und Brauntöne. Stunden können vergehen, ohne ein Haus zu sehen. Schließlich wird die Landschaft flach und hinter der Unendlichkeit geht die Sonne unter.



Am nächsten Morgen sind wir am Meer, doch nur kurz. Es geht weiter durch die endlose Steppe, und doch schaue ich wie gebannt aus dem Fenster: Immer wieder erscheinen kleine Variationen in der Landschaft, die mal flacher, mal leicht hügelig, mal canyonartig ist. Ab und zu schaut mich eine Herde Guanakos an, während die Nandus mich ignorierend mir ihre Rückseite zuwenden.
Nach 27 Stunden verändert sich die Landschaft tiefgreifender. Schneebedeckte Andengipfel sind in der Ferne zu sehen. Davor inmitten der gelben Steppe erstreckt sich der türkisblaue Lago Argentino. El Calafate mit seinem Nationalpark kündigt sich an. Eine Stunde später verlasse ich benommen und schwindelig, aber glücklich den Bus.







Samstag, 17. Januar 2015

Zweimal Plaza de Armas (Chile)


Die großen Plätze der chilenischen Dörfer und Städte heißen meist "Plaza de Armas". Trotz ihres militärisch klingenden Namens sind sie schön gestaltet und laden zum Verweilen und Leute Beobachten ein.
In Ancud auf Chiloë ist ein Abend auf der Plaza de Armas immer unterhaltsam. Die Jungs spielen Kicker, die Studenten sitzen auf dem Rasen und spielen Gitarre, Straßenhändler verkaufen Schmuck und Strickpüppchen. Manchmal fährt ein Kind im Kettcar einem Passanten über den Fuß, manchmal missioniert ein Straßenprediger über Mikrophon, und manchmal gibt es einen Disneyfilm im Open-Air-Kino. Ein Bildhauer schafft traditionelle Kunst zu traditioneller Musik mit Akkordeon im Dreivierteltakt, die sich wiederum mit dem Gebimmel der Kirchenglocken und mit Sounds aus dem Ghettoblaster mischt. Aber das Beste ist der Pavillon in der Mitte, den die Jugendlichen in Beschlag genommen haben. Andere haben keinen Zutritt, scheint das stillschweigende Gesetz dieses Ortes zu sein. Sie schließen Musik an und üben täglich Breakdance. Sie drehen sich auf dem Kopf, dann auf einer Hand, üben Synchronschritte und applaudieren sich gegenseitig. Dabei ist ihre Vorstellung gar keine, sie üben wie im Privaten und scheren sich nicht darum, dass Passanten sie verstohlen beobachten.


Im viel kleineren Puerto Octay im Seengebiet scheint die schöne Plaza de Armas zunächst verwaist. Wenige Menschen sitzen einsam oder zu zweit auf einer Bank und schweigen, die Zeit steht still. Doch schließlich treffen Dorfbewohner Vorbereitungen für das Abendprogramm. Eine Anlage wird aufgebaut, die Standard -Latinosongs der lateinamerikanischen Welt werden gespielt und über Mikrophon kündigt ein Herr das Abendprogramm an: Zumba ab 20 Uhr. Schließlich tauchen pünktlich um Acht wie aus dem Nichts ca 50 Frauen auf, in Sportkleidung, und stellen sich gut organisiert in drei Reihen vor dem Pavillon auf. Rhythmische Latino-Musik, die so gar nicht zu dem verschlafenen Kaff mit seinen mäßigen Temperaturen passen mag, ertönt. Die Zumba-Session beginnt: Ein junger Mann betritt den Pavillon. Mit zackigen Bewegungen reißt er die Arme in die Höhe, wackelt mit der Hüfte, macht federnde Schritte vor und zurück und genießt es, sich dabei von den 50 Frauen bewundern zu lassen, die seinen Bewegungen in seligem Einklang folgen, die einen nicht weniger dynamisch, die anderen etwas tranig. Manchmal verlässt der Trainer die Bühne, um einzelne Teilnehmerinnen besonders anzuspornen - ist das Belohnung oder Schmach? Die Jugendlichen ignorieren das Spektakel und spielen Kicker. Nach einer guten Stunde ist der Spuk vorbei, die Mädchen sind müde, aber glücklich und hätten sicher noch gern ihren Trainer angesprochen. Der aber schlendert mit seiner Sporttasche zügig zum Auto und fährt davon. Gepflegte Langeweile kehrt wieder in Puerto Octay ein.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Parque Nacional Chiloë (Chile)



Im Pudu-Paradies

Milchig tropfender Tau
Geklammert am Blütenrand
Stämmewirrwarr dicht verkeilt
Ummoost und flechtenbeflochten
Sphagnum entquillt
Sumpfigem Grund

Doch wo bist du, Pudu?
Meidest den moorigen Morgen?
Entschwindest dem Stämmegewirr?
Erquickst dich nicht
An der schimmernden Blüte?

Oh Pudu, ruh du!









Im horizontalen Wald

Die Tepú-Bäume fallen und leben dennoch, sie wachsen waagerecht, wachsen diagonal, sie fallen und steigen. Ein willkürlicher, undurchdringlicher Stapel aus Stämmen, aus Zweigen, aus Grün. Meterhoch der Boden, der einst Holz war, trügerisch, mal hart, mal morsch. Moose entdecken dort ihr Refugium. Farne werden zu Bäumen. Flechten, ganz zart, wachsen wie Korallen.
Aber der Canelo: Ganz stolz strebt er gerade empor, heiliger Baum der Mapuche. Ein Versprechen vor ihm hält ewig. Ein Friede, geschlossen in seiner Anwesenheit, ist dauerhaft. Mein Friede, als ich ihn bestaune, ist ein innerer. Wie lange er anhaelt, ist ungewiss.








 Muelle del Alma

Am Ende der Welt
An sanft begrünten Hängen
An meeresumtosten Klippen
Führt ein Steg ins Nirgendwo
Ich betrete die Bretter
Die das Ende markieren
Schaue in die Unendlichkeit
Überschreite ich die Schwelle
Ins Nichts

Werde ich fliegen?











Mittwoch, 7. Januar 2015

Nach alter Sitte (Chile)

Im Cafe Colonia
Die Schilder verkünden Tradition.
Holzgetäfelte Wände versprühen Müdigkeit.
Die Uniformen der Kellnerinnen: nicht Livree, nicht Tracht, nicht Heilsarmee.
Aber von allem etwas.




In der Disco
Die Jünglinge tanzen die verspiegelte Tanzfläche an.
You take my self, you take my self control.
O-o-oh, o-o-oh.

Auf der Straße
Señor Conductor: Beachten Sie die Regeln für das Parken
Señor Peatón: Überqueren Sie die Straße nur bei Grün.


In Entre Lagos
Eine Kuchenstraße.
Gemusterte Tischdeckchen.
Das Pulver Nescafé steht auf dem Tisch.
Ein paar Spritzer heißes Wasser aus der Thermoskanne.
 - Fertig.









Dienstag, 6. Januar 2015

Felices fiestas (Argentinien/ Chile)


Pünktlich nach Halloween sprießen die Plastikweihnachtsbäume in den Shoppingmalls in die Höhe. Multimediale Weihnachtsinstallationen mit Sohn und Tochter im Vordergrund sind ein beliebtes Fotomotiv. Der Weihnachtsbaum vor der Casa Rosa, dem Domizil der argentinischen Präsidentin besticht weder durch Bescheidenheit noch durch Geschmack.
Schließlich ist es Heiligabend (buena noche): Die Shoppingmall hat nach einem 24-Stunden-Shoppingmarathon tatsächlich geschlossen, und Friede kehrt ein.

Der haesslichste Weihnachtsbaum steht bei der Praesidentin vor der Haustuer

Während Bilder aus Deutschland über Whatsapp mit den gewohnten Motiven der Besinnlichkeit und Bescherung auf meinem Smartphone eintrudeln, sitze ich in Shorts, T-Shirt und Badeschlappen am Tisch, esse Oliven und bin gespannt, was passieren wird. In Argentinien beginnen die Abende spät, das gilt auch für heilige Abende, denn gegessen wird ab zehn. Schließlich folge ich der Einladung aus der Nachbarschaft in ein kleines Restaurant. Eigentlich ist es geschlossen, nur für die Familie und Nachbarn ist ein großer Tisch gedeckt, an dem schon viele sitzen. Wir machen uns über die Fleischberge her, Rind, Haehnchen, Zunge... Kurz vor 12 wird die Geschellschaftr ganz aufgeregt, als sei schon Sylvester: Wir zählen die Sekunden bis zur Weihnacht herunter, es wird gejubelt, dann gibt's Sekt, und jeder wünscht einander "feliz navidad", mit dem obligatorischen Küsschen auf die rechte Wange, egal ob Männlein oder Weiblein. Jetzt schnell auf die Dachterrasse, es gibt Feuerwerk ueber den Daechern der Stadt, danach eine Open-Air-Party, Marcelo legt auf. Als ich um drei ins Bett gehe, kommen immer noch Gäste die Treppe herauf.



So ausgelassen der Heiligabend in Argentinien begangen wird, so privat geht es an Sylvester in Chile zu. Zwar kann man schon tagsüber lustige Partyhütchen auf der Straße kaufen, doch findet die Feier meist im Familien- oder Freundeskreis statt. Alternativ versammelt man sich auf der Plaza de Armas, um sich mit Fremden in den Arm zu fallen und ihnen ein "feliz año nuevo" zu wünschen. Feuerwerkskörper sind verboten, dafür schießt die Stadt in zentraler Lage ein großes Feuerwerk ab. Hunde und Katzen haben sind die Koenige des Abends, sie sind glücklich, ihre Ruhe zu haben. Wer es dann doch nicht ganz so privat mag, darf ab zwei noch in den Club, carrete (fiesta) bis zum Morgengrauen.