Donnerstag, 23. August 2018

"Legal, seguro y gratuito"


Unversöhnlich stehen die Fraktionen, durch die Polizei deutlich voneinander getrennt, vor dem Parlament und auf den Straßen: Die grünen und die blauen Halstücher. Die ohnehin gespaltene Gesellschaft zerfällt ein weiteres Mal in zwei Lager. Es geht um einen Gesetzesentwurf zur Legalisierung der Abtreibung, der dieses Jahr endlich, nach jahrelangen politischen Anläufen, in Kongress und Senat debattiert wurde, und von Demonstranten dafür (grüne Halstücher) und dagegen (blaue Halstücher) laut und intensiv begleitet wird. Die Abstimmung in den beiden Kammern ging denkbar knapp aus: Der Kongress, die erste Kammer, stimmte im Juni mit 129 zu 125Stimmen nach einer 23stündigen Debatte für den Gesetzesentwurf. Im August gab es im Senat, der zweiten Kammer, mit sieben Stimmen Vorsprung einen Sieg der Abtreibungsgegner. Damit ist das Projekt für das Erste abgelehnt. Die ganze Nacht und in Winterskälte harrten die grünen und blauen Fraktionen vor dem Parlament aus und erwarteten das Ergebnis der Abstimmung. Auffällig ist, dass der Norden des Landes – stark durch den katholischen Glauben geprägt - die Abtreibung mehrheitlich ablehnt, während der Süden sie eher befürwortet.

Die Befürworter der Abtreibung mit ihren grünen Halstüchern mit ihrem Slogan „aborto legal, seguro y gratuito“ argumentieren natürlich mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, wie wir das aus Deutschland auch kennen. Darüber hinaus aber sprechen die Statistiken für sich: Jedes Jahr finden in Argentinien schätzungsweise 400.000 Abtreibungen im Verborgenen (aborto clandestino) statt, die für die Mütter gesundheitlich riskant sind und auch zum Tod führen können. Wer Geld hat, lässt eine Abtreibung in einer Privatklinik vornehmen. Viele Ärzte leben von dieser Praxis und schreiben einfach eine andere Diagnose auf. Wer arm ist, kann das nicht tun, und muss sich auf riskantere Wege einlassen.


Die blauen Halstücher tragen den Slogan „Salvemos las 2 vidas“ (Retten wir die zwei Leben). Es geht den Kritikern natürlich darum, dass das Töten von menschlichem Leben grundsätzlich unethisch ist. Die Kirche hat sich in den letzten Wochen vor der Abstimmung laut zu Wort gemeldet und Abgeordnete umworben. Das sei zu kurz gedacht, entgegnen die Träger der grünen Halstücher. Abtreibungen hätten schon immer im Verborgenen stattgefunden und seien auch nicht zu verhindern, und die vielen Todesfälle (allein 43 Frauen im Jahr 2016) zeigten, dass durch ein Verbot der Abtreibung keine Leben gerettet würden. 


Obwohl die Gesetzesinitiative vorerst gescheitert ist, verbuchen die Abtreibungsbefürworter ihre Initiative, der sie monatelang mit Demonstrationen Ausdruck verliehen haben, als Erfolg: Die Debatte sei endlich in der Gesellschaft angekommen, die Jugend sei mehrheitlich für die Legalisierung der Abtreibung und es sei ein deutlicher Wandel zu einer gendergerechteren Gesellschaft spürbar, die langsam die Machokultur ablöse. Und tatsächlich kommt durch die Debatte etwas in Bewegung: Die Regierung arbeitet an einem Entwurf für die Reform des Strafgesetzbuches, sodass Frauen nicht mehr für eine Abtreibung bestraft werden könnten. Auch ist die Diskussion um Sexualaufklärung in Schulen in Gang gekommen. Meine Schüler haben auch dieses Anliegen bei der Schulleitung vorgetragen und bekommen Ende dieser Woche zumindest einen zweistündigen „Workshop“.


Jetzt ist die Debatte schon wieder durch andere politische Themen in den Hintergrund geraten: Ermittlungen um die Bestechungspraxis unter den Ex-Präsidenten Nestor und Cristina Kirchner. Es ist von einem Skandal die Rede, der alle bisher bekannten Fälle überbiete. Und der Kampf um den öffentlichen Bildungssektor: Angestellte der öffentlichen Universitäten streiken seit Wochen, weil sich die Universitätsgremien und die Regierung nicht auf eine Tariferhöhung einigen können. Zudem sehen Viele die öffentlichen Schulen und Universitäten grundsätzlich in Gefahr, da die Regierung sie finanziell nicht genug fördere. Langweilig wird es in diesem Land jedenfalls nicht…

Montag, 23. Juli 2018

Im Schatten des Cardón




„Wir treffen uns im Schatten des Cardón“, sagtest du mir. Genau beschriebst du mir den Weg dorthin. Über den Fußballplatz, eigentlich nur ein in den Fels geschlagenes Schotterfeld, weiter durch das Tal, ein von der Trockenheit des Winters brach liegendes Flussbett, dann links den steinigen Hügel hinauf. Oben würde ich einen großen Cardón, einen Kaktus, sehen, ich könne ihn nicht verfehlen. Am Mittag machte ich mich auf den Weg. Sofort fand ich den Cardón, den stattlichen, sicher fünf Meter hohen Kaktus, von dessen Stamm aus einige Arme in die Höhe gewachsen waren. Wie viele Jahre er wohl gebraucht hatte, um zu dieser Größe heranzureifen? Sein Schatten war in der Mittagssonne noch kurz, ich setzte mich und begann auf dich zu warten.



Der Trubel vom fernen Dorfplatz, wo die Jugend johlend Kreisel auf den Boden warf, war verhallt. Die Stille genießend und in der Zeitlosigkeit der trockenen, menschenleeren Landschaft versinkend, schaute ich mir meinen Begleiter, den Cardón, genauer an. Ich war ihm nah und doch schien er mich mit seinem rohen Wesen abzuweisen. Sein Stamm und seine Arme waren gerippt. Die Stacheln, mit denen er übersäht war, waren zahnstochergroß. Ich brach einen ab, er schien es mir nicht übel zu nehmen.



Als ich einen Schritt zurücktrat, wirkte er freundlicher, zarter. Im Gegenlicht glänzten die Stacheln an den Spitzen wie weicher Babyflaum. Auch hatte mein Gefährte ein kreisrundes Loch. Offenbar hatte ein Vogel sich dort eine Behausung geschaffen. Eine freundliche Symbiose zwischen Pflanze und Tier oder der Vogel als egoistischer Nutznießer? Ich konnte das nicht beantworten, nur schien es mir, dass der Kaktus keinen bleibenden Schaden von seinem Untermieter davongetragen hatte. Über das genaue Inspizieren waren die Minuten, war bald wohl auch eine Stunde vergangen. Der Schatten war länger geworden, und so konnte ich es mir unter meinem großen Beschützer bequemer machen. Geborgen und doch ganz bei mir ließ ich die Zeit verrinnen.



Bis ich Schritte hörte und Steine, die unter diesen Schritten den Hügel herunterkollerten. „Hallo, hast du lange gewartet? Tut mir leid. Du weißt schon, die hora cacheña. Wir nehmen es hier nicht mit der Zeit so genau.“ Ich lächelte dich an, verschwieg aber, dass ich über mir, nun einen breiten Schatten werfend, schon einen anderen Begleiter gefunden hatte.

Freitag, 22. Juni 2018

Das Gespenst der Inflation


In regelmäßigen Abständen geistert unsichtbar ein Schreckgespenst durch das Land. Es sorgt dafür, dass den Leuten das Geld in den Händen zerrinnt, dass Urlaubsreisen nicht stattfinden können und überhaupt, dass das Leben sehr schwer planbar ist. Die Inflation kommt in Schüben, plötzlich und heftig: Während Mitte Mai ein Euro noch 25 Pesos wert war, liegt er jetzt, Mitte Juni, schon bei 32 Pesos. 2017 betrog die Inflationsrate 25%, 2018 zur Mitte des Jahres beträgt sie schon 22%, obwohl Präsident Macri das Ziel verkündet hatte, sie auf 10% senken zu wollen. Weil die Preise natürlich entsprechend anziehen, heißt das für die Menschen, dass sie immer weniger in der Tasche haben, zumal die Löhne nicht automatisch angepasst werden. Auf meiner Arbeit gibt es im Februar eine Gehaltserhöhung von 10% und im Juni noch eine von 5%, sie liegt also niedriger als die Inflation. Entsprechend oft wird gestreikt: Für den 25. Juni ist ein Generalstreik angesetzt: keine Busse, Taxis, Flüge, Müllabfuhr, Banken und auch die öffentlichen Schulen werden bestreikt – ich bin mal gespannt.



Die Inflation kommt in Schüben

Präsident Macri hat es sich zum Ziel gesetzt, die Wirtschaft zu liberalisieren, Subventionen zu kürzen und die Staatsschulden abzubauen. So werden auch die Subventionen für Strom und Gas abgebaut. Gerade jetzt, wo die Inflation so stark zunimmt, werden Strom und Gas für alle teurer. Immerhin hat ein Gericht entschieden, dass man den Menschen, die ihre Rechnung nicht bezahlen können, das Gas nicht abstellen darf. Mal sehen, wie viele sich auf dieses Urteil verlassen.

Alte Geldscheine, die an vergangene Wirtschaftkrisen erinnern

Ein weiteres Schreckgespenst ist der Umstand, dass die Regierung den IWF um eine kräftige Finanzspritze von 50 Milliarden Dollar gebeten hat. Es kommen schlimme Erinnerungen an die Zeit von 2001 auf, als Argentinien eine Staatspleite verkünden musste und vom IWF und amerikanischen Hedge-Funds geknebelt wurde. Die Regierung weigerte sich damals, Schulden zurückzuzahlen, was das Land isolierte, weil ausländliche Investoren das Vertrauen in die Wirtschaft verloren. Diese Abhängigkeit vom IWF ist nicht populär, natürlich auch, weil sie mit hohen Auflagen, den argentinischen Staat zu sanieren, verbunden ist. So wird Präsident Macri ein weiteres Argument haben, um seine Pläne durchzusetzen, den Verwaltungsapparat zu verschlanken und weitere Subventionen zu kürzen. Viele Argentinier werden sich das nicht gefallen lassen.

Notgeld, das in den verschiedenen Provinzen gedruckt wurde, als kein Geld mehr erhältlich war.