Montag, 23. Juli 2018

Im Schatten des Cardón




„Wir treffen uns im Schatten des Cardón“, sagtest du mir. Genau beschriebst du mir den Weg dorthin. Über den Fußballplatz, eigentlich nur ein in den Fels geschlagenes Schotterfeld, weiter durch das Tal, ein von der Trockenheit des Winters brach liegendes Flussbett, dann links den steinigen Hügel hinauf. Oben würde ich einen großen Cardón, einen Kaktus, sehen, ich könne ihn nicht verfehlen. Am Mittag machte ich mich auf den Weg. Sofort fand ich den Cardón, den stattlichen, sicher fünf Meter hohen Kaktus, von dessen Stamm aus einige Arme in die Höhe gewachsen waren. Wie viele Jahre er wohl gebraucht hatte, um zu dieser Größe heranzureifen? Sein Schatten war in der Mittagssonne noch kurz, ich setzte mich und begann auf dich zu warten.



Der Trubel vom fernen Dorfplatz, wo die Jugend johlend Kreisel auf den Boden warf, war verhallt. Die Stille genießend und in der Zeitlosigkeit der trockenen, menschenleeren Landschaft versinkend, schaute ich mir meinen Begleiter, den Cardón, genauer an. Ich war ihm nah und doch schien er mich mit seinem rohen Wesen abzuweisen. Sein Stamm und seine Arme waren gerippt. Die Stacheln, mit denen er übersäht war, waren zahnstochergroß. Ich brach einen ab, er schien es mir nicht übel zu nehmen.



Als ich einen Schritt zurücktrat, wirkte er freundlicher, zarter. Im Gegenlicht glänzten die Stacheln an den Spitzen wie weicher Babyflaum. Auch hatte mein Gefährte ein kreisrundes Loch. Offenbar hatte ein Vogel sich dort eine Behausung geschaffen. Eine freundliche Symbiose zwischen Pflanze und Tier oder der Vogel als egoistischer Nutznießer? Ich konnte das nicht beantworten, nur schien es mir, dass der Kaktus keinen bleibenden Schaden von seinem Untermieter davongetragen hatte. Über das genaue Inspizieren waren die Minuten, war bald wohl auch eine Stunde vergangen. Der Schatten war länger geworden, und so konnte ich es mir unter meinem großen Beschützer bequemer machen. Geborgen und doch ganz bei mir ließ ich die Zeit verrinnen.



Bis ich Schritte hörte und Steine, die unter diesen Schritten den Hügel herunterkollerten. „Hallo, hast du lange gewartet? Tut mir leid. Du weißt schon, die hora cacheña. Wir nehmen es hier nicht mit der Zeit so genau.“ Ich lächelte dich an, verschwieg aber, dass ich über mir, nun einen breiten Schatten werfend, schon einen anderen Begleiter gefunden hatte.

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