Mittwoch, 15. Mai 2019

Was sie im Schilde führen


Fotomotive von Verkehrsschildern, die sich nur in bestimmten Ländern oder Regionen finden lassen, sind beliebt. Gern erinnere ich mich an das Schild „Wallfahrer kreuzen“, das ich am Rhein entdeckt habe, oder an das Schild mit der putzigen Schwanenfamilie, das an der viel befahrenen Inneren Kanalstraße in Köln vor der Schwanenwanderung Richtung Aachener Weiher warnt.


Nun, hier in Argentinien gibt es natürlich auch diese Verkehrsschilder mit folkloristischem Charakter: unübersehbar ist das Verkehrsschild, das vor kreuzenden Guanakos auf den schnurgeraden, wenig befahrenen Straßen Patagoniens warnt. Noch typischer aber ist vielleicht der Hinweis, der sich auf jeder Autobahn findet: „Las Malvinas son Argentinas“, also „Die Inselgruppe der Malvinen gehört zu Argentinien“. Nun ist das für keinen Argentinier eine überraschende Neuigkeit. Ganz im Gegenteil: Über den Anspruch Argentiniens auf die von Großbritannien besetzten Malvinas (Falklands) herrscht große Einigkeit. Vielmehr scheint dieses Schild den Geist nationaler Einheit beim Brettern über die autopista heraufbeschwören zu wollen. Wo in anderen Ländern etwa am Fahrbahnrand auf touristische Attraktionen oder auf eine glatte Fahrbahn bei Regen aufmerksam gemacht wird, wird hier gemahnt, die argentinische Souveränität über die atlantische Inselgruppe nicht in Zweifel zu ziehen. Ein Gesetz, das 2014 beschlossen wurde, legt fest, dass diese Schilder alle öffentlichen Verkehrswege zieren mögen.



Geht man an Ladenschaufenstern vorbei oder steht an der Kasse, so erblickt man Schilder, die vielleicht noch mehr Aufschluss über die Besonderheiten des Landes verraten. Der Hinweis „baños uso exclusivo para clientes“ (Benutzung der Toiletten nur für Kunden) überrascht keinen und ist sicher in vielen Kulturen verbreitet. Auffällig ist in Argentinien nur der Zusatz „no insista“: Bestehen Sie nicht darauf, die Toiletten trotzdem benutzen zu wollen! Das mag der ausgeprägten Kommunikationskultur geschuldet sein. Man könnte ja doch noch einmal nachfragen, ob der Inhaber eine Ausnahme machen könne. Und überhaupt werden Ausnahmen von jeder Regel gern gepflegt. Wie oft habe ich gehört „Eigentlich ist es ja so und so, aber wir machen es immer etwas anders.“ Warum soll dann ausgerechnet bei dieser Toilette keine Ausnahme gelten?


Eine Freundin erzählte mir, in ihrer Nachbarschaft gebe es eine Bar mit dem Aushang „Bestelle nichts, wenn du kein Geld dabei hast!“ Auch hier scheint der Barbesitzer vorher viele schlechte Erfahrungen mit Ausnahmen von der Regel gemacht zu haben, dass man für seine Bestellung bezahlt.
An der Kasse in den kleinen Lädchen treffe ich mit Regelmäßigkeit auf weitere Schilder. „Colabore con el cambio“ (Kooperieren Sie mit Kleingeld) heißt es immer wieder. In den kleinen Läden sind die Kassen in erster Linie leer, und wenn man drei Kopien mit einem 100-Peso-Schein (2,-€) bezahlen will, blickt man immer wieder in ratlose Gesichter auf der anderen Seite des Ladentresens. Interessant ist auch der Umgang mit Münzgeld im Zeichen der Inflation. Vor einem Jahr bekam man noch recht regelmäßig Münzen als Wechselgeld, dann wurden die Münzen immer rarer. Im Kiosk, fehlten dem Kassierer 1 oder 2 Pesos für das Wechselgeld, durfte man sich einen Bonbon als Alternativwährung aussuchen und mitnehmen. Inzwischen werden die Preise eigentlich nur noch auf 5 pesos auf- und abgerundet, damit man sich die Münzen sparen kann.


Eine sehr praktische Gebrauchsanweisung für diesen Kiosk: Alle wesentlichen Fragen werden beantwortet, bevor man ihn überhaupt betreten muss.

Gerne wird der Kunde auch mit den Hinweisen „Kontrollieren Sie Ihren Kassenbon“ und „Zählen Sie Ihr Wechselgeld nach. Später sind keine Reklamationen möglich“ gewarnt. Wie soll ich das verstehen? Was wollen sie mir sagen: „Wir sind nicht perfekt und machen auch mal Fehler“ oder: „Wenn du so blöd bist und nichts überprüfst, bist du selbst schuld“? Wahrscheinlich ist es aber nach vielen schlechten Erfahrungen das Vorbeugen vor Reklamationen und endlosen Diskussionen.
Einmal habe ich im Schreibwarenladen nach Whiteboardmarkern gefragt, aber die falschen Stifte ausgehändigt bekommen, ohne dass ich es merkte. Am nächsten Tag brachte ich sie zum Umtausch zurück, nachdem ich den Irrtum festgestellt hatte. Einen Kassenbon hatte ich wie so oft natürlich nicht bekommen (wohl aber hatte ich mit Kleingeld kooperiert, wie es an der Kasse angeschlagen stand), doch die Verkäuferin erinnerte sich noch an mich. Da mein Anliegen ihren Kompetenzbereich überschritt, musste sie mit ihrer Chefin telefonieren und meinen Fall schildern. Ich dürfe mir andere Stifte aussuchen, aber leider gab es nur rote, und die konnte ich nicht gebrauchen. Ich dürfe mir etwas anderes aussuchen, z.B. einen College-Block. Dabei hatten wir am Vortag schon gemeinsam festgestellt, dass es keine College-Blöcke mehr gab. Laut Chefin könne man mir das Geld jedenfalls nicht zurückzahlen. Ich machte einen Aufstand. Geduldig warteten bereits fünf Kunden hinter mir und mussten sich mein Theater anschauen. Ich hätte deutlich nach Whiteboardmarkern gefagt, betonte ich, aber die falschen Stifte bekommen. Es sei ein sehr schlechter Service, rief ich, wobei mir die arme, eingeschüchterte Kassiererin sogar recht gab, und ich fügte hinzu, das solle sie bitte ihrer Chefin weitergeben, und damit verließ ich den Laden, immerhin rutschte mir noch ein „gracias“ heraus. Ein Schild „Kontrollieren Sie bitte sofort, ob wir Ihnen die Ware verkauft haben, die Sie wirklich haben wollen. Anschließend sind keine Reklamationen möglich.“ wäre doch eigentlich ganz sinnvoll in diesem Laden.

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