Donnerstag, 18. Oktober 2018

Hohe Gitter, Taxushecken…


Auf den europäischen Betrachter wirkt ein lateinamerikanischer Straßenzug zunächst einmal abweisend: Hohe Mauern oder Gitter machen die Grundstücke unnahbar, die Fenster sind ebenfalls durch Gitter oder Jalousien verschlossen, man hat keinen Einblick in die Privatsphäre der Bewohner oder erfährt kein Zeichen, ob gerade jemand zu Hause ist oder nicht. So soll das Risiko eines Einbruchs vermindert werden, wobei sich die Frage stellt, ob nicht ein hohes Gitter ein größerer Anreiz ist einzubrechen, weil bei solch einem Haus wohl etwas zu holen sein wird.
In der Zona Norte Córdobas ist das nicht anders. An manch hoher Mauer, hinter der man ein prächtiges Anwesen vermuten kann, prangt das Schild „dueño vende“ – der Eigentümer verkauft, und eigentlich müsste man schon einen Besichtigungstermin machen, um die Neugier zu stillen, was sich eigentlich hinter dieser hohen Mauer verbirgt.


Erfreulich anders öffnen sich aber auch wenige Häuser zur Straße und laden den Spaziergänger ein, Vermutungen über ihre Bewohner anzustellen. Der architektonischen Freiheit sind keine Grenzen gesetzt: von protzig-geschmacklos bis avantgardistisch-stilvoll und nostalgisch-verklärt sind alle Varianten zu finden. Hier ein paar Beispiele:


Der Psychoanalytiker Walter, 5. Generation deutscher Auswanderer, kehrte nach einem zweijährigen Stipendium in New York nach Córdoba zurück. Nach einigen Jahren der Selbstständigkeit in der Zona Norte, wo die Psychoanalyse hip ist, bekam er eine Dozentenstelle an der Nationalen Universität, mit dem Schwerpunkt des Zusammenhangs zwischen Psychoanalyse, Neurobiologie und der postmodernen Konzeption des „Selbst“. In einem Seminar lernte er seine heutige Freundin kennen, mit der zusammen er dieses Haus bauen ließ. Hinter der Fensterfront verbirgt sich das großzügige Treppenhaus, ein Symbol der Öffnung und stetigen Weiterentwicklung des „Selbst“.


Isabella und Dante waren Farmer in der Provinz Misiones im Norden Argentiniens. Die Rinderzucht hatte sie wohlhabend gemacht, aber auch müde. Sie wollten nicht mehr früh aufstehen, ihre Kleidung mit roter Erde beschmutzen, und auch die drückende Schwüle des tropischen Nordens konnten sie nicht mehr ertragen. Gegen den Widerstand ihrer drei Kinder im Teenage-Alter beschlossen sie in den Norden Córdobas zu ziehen, wo es weniger feucht ist, wo man die Nächte mit einem Fernet genießen kann, und in wenigen Minuten beim Supermarkt ist. Ihr Haus ließen sie im Stil einer Jesuiten-Estancia bauen, wie sie in ihrer alten Heimat von der Vergangenheit erzählen und wie man sie auch im Cordobeser Umland noch besuchen kann.


Ernesto hat wegen seiner italienischen Vorfahren – wie so viele Argentinier – einen italienischen Pass. Vor zehn Jahren nutzte er das für einen ausgedehnten Aufenthalt in Italien, besuchte seine Großtanten und Großcousins, aß Pasta, die ihm nicht schmeckte - war sie doch anders als in seiner Heimat sehr al dente zubereitet -, und besichtigte verträumte Parks und Villas, was nicht ohne Spuren blieb. Ohnehin ist er ein wenig praktisch veranlagter, dafür umso fantasievoller Mensch. Wenige Tage nach seiner Rückkehr in Córdoba erblickte er dieses schlossartige Anwesen, verliebte sich, zählte seine Dollar und beschloss, einen Kredit aufzunehmen, um der stolze Besitzer zu werden. Die Rückzahlung des Kredits belastet ihn schon, wo er sich doch als piletero, jemand, der Swimming Pools wartet und reinigt, mehr schlecht als recht durch’s Leben schlägt. So ist er auch sein eigener Gärtner, der Traum eines Angestellten für sein Anwesen lässt sich einfach nicht verwirklichen. Zuletzt beschloss er, zwei Zimmer an seine Bekannte Valeria unterzuvermieten. Das hilft, um mit den steigenden Kosten für Strom, Gas und Wasser zurechtzukommen.


Machen wir einen Sprung ins Stadtzentrum. Oben rechts in diesem Kachel-Beton-Bau mit dem aus Köln inspirierten Schick wohnt Eugenia, Studentin der Internationalen Beziehungen. Aufgewachsen in einem Dorf in den Sierras de Calamuchita konnte sie es kaum erwarten, die dörfliche Enge zu verlassen und die Freiheiten der Großstadt zu genießen. Gleichwohl freut sie sich, wenn ihre Mama zu Besuch kommt, in ihrem Apartment schläft und sie zum Kino einlädt. Ist Mama nicht zu Besuch, treffen sich ihre Studienfreundinnen gern bei ihr, denn sie ist die Einzige in der Clique, die eine eigene Wohnung hat: Zum Ärger der Nachbarn wird in den frühen Morgen laute Musik gehört, und umso lauter gequatscht und kräftig Fernet getrunken. Leiser ist es am Tag danach, wenn sich alle etwas verkatert zum Mate treffen.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Schlagerparty


“Tunga tunga” fegt der synkopische Rhythmus durch den schweißgeschwängerten Saal. Ein Hitzewelle von Cumbia und Merengue. Darüber legt sich die schmachtende Stimme des Sängers, dessen Melodie wiederum von einem ebenso schmachtenden Akkordeon nachgeahmt wird. Es ist Schlager-Zeit in Córdoba, die Musik heißt Cuarteto. So beliebt, wie sie bei vielen Cordobeser Party-Mäuschen und -Häschen, besonders aus der Arbeiterschicht, ist, so despektierlich wird sie von anderen, besonders von Vertretern der Mittelschicht, als Prollmusik abgetan. So billig wie die immer gleichen Rhythmen und klischeeüberladenen Texte auch sein mögen, so ganz kann ich mich dem überdrehten Schwung und der Energie der Musik nicht verwehren, wie bei einem schlicht gestrickten Karnevalslied eben auch.
In Argentinien brachten die Einwanderer ihre Volksmusik mit, die zunächst im Quartett gespielt wurde, daher auch der Name. Und wie das Meiste in Argentinien hat sich das, was die Einwanderer so mitbrachten, mit anderen kulturellen Einflüssen vermischt, sodass irgendwann die Latino-Rhythmen dazu kamen.
Carlos Jiménez war es, der nach den Restriktionen der Diktatur in den 80er Jahren das Cuarteto wieder zum Leben erweckte. Er ist ein energetisches Gesamtkunstwerk. Sein Dauerwelle im Tony Marshall-Look, seine Glitzerkleidung sowie sein Hüftschwung verleihen ihm etwas seltsam Camp-mäßiges. Sein Spitzname „La Mona“ (die Äffin) erscheint daher nicht ganz unpassend.



Nicht weniger energiegeladen ist Rodrigo „El Potro“ (der Hengst). Durch ihn strahlte die Musikrichtung über die Provinzgrenzen aus: Er machte das Cuarteto in der 90er Jahren in ganz Argentinien populär, sodass die ganze Nation gemeinsam mit ihm „Soy Cordobés“ (Ich bin aus Córdoba) gröhlte. Der Text, wer hätte das gedacht, lässt kaum ein Córdoba-Klischee aus: der Fernet Branca, die schönsten Frauen, und Rodrigo brauche keinen Ausweis, schließlich verrate sein Akzent seine Herkunft. Rodrigo hätte spielend Texter von kölschen Karnelsliedern werden können. Hatte Rodrigo anfangs noch lange dauergewellte Haarpracht ähnlich der seines Kollegen Carlos Jiménez, trug er später eine schnittige Kurzhaarfrisur, die er sich abwechselnd rot, blau oder grün färbte, was ihm ein noch energetischeres Aussehen verpasste. Im Jahr 2000 verunglückte er mit 27 Jahren bei einem Autounfall. Ein biographischer Film mit dem Titel „El Potro“ ist gerade im Kino zu sehen.



Mein liebster Cuarteto-Star aber ist Walter Olmos. Er kommt nicht aus Córdoba, sondern aus Catamarca, was er auch gern in eigentlich jedem Lied betont. Er galt als Nachfolger Rodrigos, kommt aber niedlicher und charmanter daher. Er legte eine atemberaubende Karriere hin und hatte wie Rodrigo die Möglichkeit im Luna Park in Buenos Aires aufzutreten. 2002, nur zwei Jahre nach dem Unfalltod Rodrigos, beging Walter Olmos im Alter von 20 Jahren Selbstmord.

Und heute? Cuarteto lebt, die Schlagerparty geht weiter. Und die Versuchung, einmal eine solch schweißtriefende Cuarteto-Halle am Ufer des Flusses zu besuchen, ist groß …