Fotomotive von Verkehrsschildern, die sich nur in bestimmten
Ländern oder Regionen finden lassen, sind beliebt. Gern erinnere ich mich an
das Schild „Wallfahrer kreuzen“, das ich am Rhein entdeckt habe, oder an das Schild
mit der putzigen Schwanenfamilie, das an der viel befahrenen Inneren
Kanalstraße in Köln vor der Schwanenwanderung Richtung Aachener Weiher warnt.
Nun, hier in Argentinien gibt es natürlich auch diese
Verkehrsschilder mit folkloristischem Charakter: unübersehbar ist das Verkehrsschild,
das vor kreuzenden Guanakos auf den schnurgeraden, wenig befahrenen Straßen
Patagoniens warnt. Noch typischer aber ist vielleicht der Hinweis, der sich auf
jeder Autobahn findet: „Las Malvinas son Argentinas“, also „Die Inselgruppe der
Malvinen gehört zu Argentinien“. Nun ist das für keinen Argentinier eine
überraschende Neuigkeit. Ganz im Gegenteil: Über den Anspruch Argentiniens auf
die von Großbritannien besetzten Malvinas (Falklands) herrscht große Einigkeit.
Vielmehr scheint dieses Schild den Geist nationaler Einheit beim Brettern über
die autopista heraufbeschwören zu
wollen. Wo in anderen Ländern etwa am Fahrbahnrand auf touristische Attraktionen
oder auf eine glatte Fahrbahn bei Regen aufmerksam gemacht wird, wird hier gemahnt,
die argentinische Souveränität über die atlantische Inselgruppe nicht in
Zweifel zu ziehen. Ein Gesetz, das 2014 beschlossen wurde, legt fest, dass
diese Schilder alle öffentlichen Verkehrswege zieren mögen.
Geht man an Ladenschaufenstern vorbei oder steht an der
Kasse, so erblickt man Schilder, die vielleicht noch mehr Aufschluss über die
Besonderheiten des Landes verraten. Der Hinweis „baños uso exclusivo para
clientes“ (Benutzung der Toiletten nur für Kunden) überrascht keinen und ist
sicher in vielen Kulturen verbreitet. Auffällig ist in Argentinien nur der
Zusatz „no insista“: Bestehen Sie nicht darauf, die Toiletten trotzdem benutzen
zu wollen! Das mag der ausgeprägten Kommunikationskultur geschuldet sein. Man
könnte ja doch noch einmal nachfragen, ob der Inhaber eine Ausnahme machen
könne. Und überhaupt werden Ausnahmen von jeder Regel gern gepflegt. Wie oft
habe ich gehört „Eigentlich ist es ja so und so, aber wir machen es immer etwas
anders.“ Warum soll dann ausgerechnet bei dieser Toilette keine Ausnahme
gelten?
Eine Freundin erzählte mir, in ihrer Nachbarschaft gebe es
eine Bar mit dem Aushang „Bestelle nichts, wenn du kein Geld dabei hast!“ Auch
hier scheint der Barbesitzer vorher viele schlechte Erfahrungen mit Ausnahmen
von der Regel gemacht zu haben, dass man für seine Bestellung bezahlt.
An der Kasse in den kleinen Lädchen treffe ich mit
Regelmäßigkeit auf weitere Schilder. „Colabore con el cambio“ (Kooperieren Sie
mit Kleingeld) heißt es immer wieder. In den kleinen Läden sind die Kassen in
erster Linie leer, und wenn man drei Kopien mit einem 100-Peso-Schein (2,-€)
bezahlen will, blickt man immer wieder in ratlose Gesichter auf der anderen
Seite des Ladentresens. Interessant ist auch der Umgang mit Münzgeld im Zeichen
der Inflation. Vor einem Jahr bekam man noch recht regelmäßig Münzen als
Wechselgeld, dann wurden die Münzen immer rarer. Im Kiosk, fehlten dem
Kassierer 1 oder 2 Pesos für das Wechselgeld, durfte man sich einen Bonbon als Alternativwährung
aussuchen und mitnehmen. Inzwischen werden die Preise eigentlich nur noch auf 5
pesos auf- und abgerundet, damit man sich die Münzen sparen kann.
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| Eine sehr praktische Gebrauchsanweisung für diesen Kiosk: Alle wesentlichen Fragen werden beantwortet, bevor man ihn überhaupt betreten muss. |
Gerne wird der Kunde auch mit den Hinweisen „Kontrollieren
Sie Ihren Kassenbon“ und „Zählen Sie Ihr Wechselgeld nach. Später sind keine
Reklamationen möglich“ gewarnt. Wie soll ich das verstehen? Was wollen sie mir
sagen: „Wir sind nicht perfekt und machen auch mal Fehler“ oder: „Wenn du so
blöd bist und nichts überprüfst, bist du selbst schuld“? Wahrscheinlich ist es
aber nach vielen schlechten Erfahrungen das Vorbeugen vor Reklamationen und
endlosen Diskussionen.
Einmal habe ich im Schreibwarenladen nach Whiteboardmarkern
gefragt, aber die falschen Stifte ausgehändigt bekommen, ohne dass ich es
merkte. Am nächsten Tag brachte ich sie zum Umtausch zurück, nachdem ich den
Irrtum festgestellt hatte. Einen Kassenbon hatte ich wie so oft natürlich nicht
bekommen (wohl aber hatte ich mit Kleingeld kooperiert, wie es an der Kasse angeschlagen
stand), doch die Verkäuferin erinnerte sich noch an mich. Da mein Anliegen
ihren Kompetenzbereich überschritt, musste sie mit ihrer Chefin telefonieren
und meinen Fall schildern. Ich dürfe mir andere Stifte aussuchen, aber leider
gab es nur rote, und die konnte ich nicht gebrauchen. Ich dürfe mir etwas
anderes aussuchen, z.B. einen College-Block. Dabei hatten wir am Vortag schon
gemeinsam festgestellt, dass es keine College-Blöcke mehr gab. Laut Chefin
könne man mir das Geld jedenfalls nicht zurückzahlen. Ich machte einen
Aufstand. Geduldig warteten bereits fünf Kunden hinter mir und mussten sich
mein Theater anschauen. Ich hätte deutlich nach Whiteboardmarkern gefagt,
betonte ich, aber die falschen Stifte bekommen. Es sei ein sehr schlechter
Service, rief ich, wobei mir die arme, eingeschüchterte Kassiererin sogar recht
gab, und ich fügte hinzu, das solle sie bitte ihrer Chefin weitergeben, und
damit verließ ich den Laden, immerhin rutschte mir noch ein „gracias“ heraus. Ein
Schild „Kontrollieren Sie bitte sofort, ob wir Ihnen die Ware verkauft haben,
die Sie wirklich haben wollen. Anschließend sind keine Reklamationen möglich.“
wäre doch eigentlich ganz sinnvoll in diesem Laden.



